Verlust

Zwölftes Kapitel

Wo warst du, Marie? Fragt Inge sie. Beide sitzen in dem Garten, hinter dem, neben den Gitten die Tannenbäume stehen und essen PopCorn. Am Nachmittag ist der Mond in seiner frühesten Phase und hängt am blauen Himmel, wie ein wiedergeborenes Gesicht, sagt Marie. Das brauche ich nicht zu wissen. Wann wirst du mir deine Geschichte erzählen? Fragt Inge sie. Ich warte auf dich lange, sitze auf dieser Bank, esse PopCorn. Verzeihe mir, ich konnte nicht mehr dulden, ich wollte zu viel essen, da es mir angenehm ist, etwas zu essen, als diese Männer zu besichtigen, die spazierengehen und nicht wissen, was sie mit ihren Händen zu tun haben. Das ist eine ganz komplizierte Frage. Einfach, liebt der Rektor, wenn er gepeitscht wird, sagt Marie, das bemerke ich immer, wenn ich ihn in meiner Nähe sehe. Das hat er zu mir nie gesagt, aber ich fühle das; das ist richtig… in dem Hotelzimmer duldete er nicht, wollte mir etwas erklären und blickte auf die Wand im Saal, an der die Peitschen hängen. Du weißt es sehr gut, wo sie hängen. Warum? Das verleiht dem ganzen Hotel einen exotischen Eindruck und BEZAUBERT viele Gäste, die diese Wände auch gerne besichtigen. Wir sind, alle Frauen glücklich, weil uns etwas, was wir verdienen, endlich bekommen. Dieser Alex läßt mich noch nicht in Ruhe, ihm will ich schon zeigen, daß ich kein Engel bin. Ja, das weiß er selbst gut, aber muß ich das wiederholen und wiederholen, was er nichts versteht. Ich verstehe: wir brauchen diese Leute, die Idealisten machen die Welt bunt, schön und vielfältig, und wenn etwas vielfältig ist, ehrlich, ist alles schon automatisch kulturell. Und die Schönheit soll alles verschönern: unsere Wohnungen, Arbeitsplätze, Lehrstühle, Särge. Alex, dieser Mann, muß auch sterben, da ich ihn liebe und er mich liebt. Ohne ihn werde ich mich nervös fühlen, aber er will nicht wissen, wie tödlich seine ganze Liebe ist und das weiß ich sehr gut. Und ich kann nicht ganz freundlich sein, da ich dieser Sache noch nicht gewachsen bin. Wir können nicht jemanden lieben, wenn wir an etwas denken, wenn wir frei sein wollen, ganz frei, frei und frei. Nein, es geht heute nicht. Darum lieben wir niemanden, und ist das keine Tragödie. Was der Rektor getan hat, ist es ganz normal, aber er kann gewisse heilige Grenzen auch nicht überschreiten, weil nur die reichsten Leute wissen, was normal und was nicht normal ist. An ihm können wir uns nicht vollkommen rächen, aber wir können uns an einem anderen Mann rächen. In seinen Augen sehe ich die größte Angst, weil er arm ist, Alex. Ich will mir nicht vorstellen, daß er kein Geld verdient, aber er verdient wirklich nichts. Das ist aber leider die Tatsache. Ich will nichts mehr wissen, was ich jetzt weiß, ist alles ohnehin genug. Alles ändert sich sehr schnell, aber alles ist nicht besser, als gestern, da wir, jeden Tag, älter, älter, älter und älter werden, als gestern, also altern. Warum? Der Egoismus, er setzt alles in Betrieb. Wir freuen uns, wenn Jemand an etwas leidet. Was wir tun, ist es ganz egal und mir ist auch jetzt alles ganz egal. Mir ist jetzt schon alles ganz egal. Das ist meine eigene Wahrheit. Warum? Das ist alles nicht wie beim Krieg, aber, wer weiß, vielleicht ist jetzt etwas noch, aber können wir das nicht bemerken? Wer vernichtet unsere Phantasien? Inge, das kann ich dir nicht erzählen, aber jemand gibt mir eine kleine Rolle als Schauspielerin in einem Pornofilm. Dann werden wir unsere Träume besser verwirklichen können, das heißt, jemand kann gut bezahlen, egal, was, aber gut, wir können bald Fahrkarten nach Palm Beach kaufen, dann unter der Sonne liegen, und gerne braun werden. Die Klimaschutzmaßnahmen werden getroffen, relativ fleißig sind SIE, wenn es sich um etwas handelt, was sie konkret gegen jemanden (die Sonne) zu schützen versuchen. An jeder Universität in Deutschland werden wir auch studieren. Schon heute kann jeder Mann mit etwa $ 20 000 die schönste Frau in der ganzen Welt werden, heute ist das schon ganz möglich(!?)! Ah, wer braucht unsere Seelen? _ Wir brauchen nur das, was wir nur jetzt sehen, riechen, hören, und das wissen die Leute auch sehr gut, die sehr gut verdienen. Und was meinst du, kommst du mit? An jedem Pornofilm werden wir nicht teilnehmen, aber amerikanische Pornofilme sind ganz geschmackvoll. Viele Regisseuren drehen sie mit ihrer vollen Kraft. Gott, ihn müssen wir auch erkennen, unseren Jesus Christus, ihn verstehen, seinen Beispielen folgen, die, ihren Ausdruck in diesen Filmen finden, die heilig sind. Das ist statistisch bewiesen. Nein, wir kosten sehr teuer, da wir noch sehr jung sind. Kein einziger Mensch kennt meine Fähigkeiten besser, als ich. Das weiß ich genau. Alex wollte gestern bei mir anrufen, ich nahm eine Dusche und... Sie beginnt zu flüstern, du kannst selbst begreifen, was ich in der Wanne immer tue... Das will ich nicht wiederholen, mich kann sich jeder Mann anders anschauen: nicht wie ein ordentliches Mädchen, sondern ganz anders… Das gefällt mir nicht, weil nur wenige Frauen das tun, was wir tun, und, die Männer lieben genau uns, und nicht ihre dummen Frauen, die müde, alt oder krank in ihren Schlafzimmern welken. Ja, über meine Fähigkeiten habe ich ganz klare Vorstellungen. Nein, sie lieben uns auch nicht, das ist wieder meine Illusion, sagt Inge. Sie lassen ihre Frauen nie in Ruhe, wenn sie zu uns kommen, da sie Geld dafür zahlen müssen, was ihnen zu Hause kostenlos gehört, sagt sie, ist das auch nicht wahr? Aber es geht immer ums Geld. Heute fühle ich mich wieder unruhig, ich will aufstehen. Vielleicht werde ich in dieser Nacht auch nicht einschlafen können. Was ist mit uns los? Nur ja, wir sind jetzt jung, aber dann? Es bleibt nur ein Weg. Ich will, daß mich dieser junge Mann, Alex nicht heiraten will. Jeder von uns liebt etwas Stabiles. Dieses Leben ist wirklich zu unordentlich, da ich unwürdig bin, da Gott mich nicht liebt. Es kommt mir manchmal so vor, daß Gott mich manchmal verlässt und wenn ich aufwache, meistens morgens, denke ich sehr viel an den Tod. Ja, ich bin zu jung, ich soll das nie tun, mein Weg ist lang, aber denke ich an diesen einzigen Tag, der früher oder später, unbedingt kommen und mich befreien wird. Der Tod! Totale Überwachungen, zahlreichen Beleidigungen, Verpflichtungen _ wir werden einmal ganz frei sein. Gott, er hilft uns, braucht nicht unsere Hilfe. Nur gegenseitig kann ich ihn achten, seine Prinzipien durchsetzen, wo sie überhaupt durchzusetzen sind. Mein liebes Kind, sagt mein Vater oft zu mir, warum bist du so traurig? Aber mir tut immer etwas leid oder weh. Alex weiß nichts, er glaubt an nichts, und lebt jedoch zu ruhig, schrecklich ruhig. ich weiß, was für ein Typ er ist: was ich sage, tut er immer das. Ist das normal, daß alles von meinem Willen und nichts mehr hängt? Nein, das ist nicht normal, etwas muß meine Gefühle immer verschärfen! Ich habe meine eigene Religion, Phantasien, aber kann nicht so ruhig sein, wie er manchmal ist. Manchmal sehe ich auch einen grenzenlosen Haß in seinen Augen. Warum hasst er alles, was uns gefällt und was wir gern haben? Warum ist er immer schrecklich unzufrieden? Ich hätte ihn gerne gefragt, warum er keine Hoffnung hat und warum er jedoch immer so schrecklich tolerant ist. Jeder Tag bringt ihm etwas neues, was, weiß er manchmal nicht selbst. Er kann keine richtige Entscheidung treffen, sein Protest hat einen dauerhaften und ruhigen Charakter, aber dies Mißtrauen, das ich manchmal in seinem Gesicht lese, gegenüber der Moral, dieser Moral, verzweifelt mich. Keinen Weg findet er, er kann sterben, ohne etwas zu finden, aber sucht, und was sucht er eigentlich denn? Warum soll jemand etwas suchen, die anderen: nicht? nach dieser Frage hat mein Vater immer eine klare Antwort: solche Leute sind Philosophen, und jede Wahrheit, die sie auf ihrem Wege entdecken, sind unnützlich, da ihr Spiritismus nicht der Wissenschaft, sondern der Absurdität dient! Mein Vater lacht immer über alle Philosophen: sie starben in den vorherigen Jahrzehnten vor Hunger, da sie nicht genug adaptiert gewesen waren. Es ist ganz natürlich, da sie auf diese Weise, in jeder Epoche anderen fortschrittlicheren Formen des Lebens Chancen geben, die besser und besser und besser adaptiert sind. Aber das ist schon der linke Radikalismus, hier werde ich schweigen, sie sagt nichts, aber mein Vater ist wirklich ein Genie _ wenn er etwas sagt, höre ich ihm immer bewegungslos zu. Das ist unsere Gesellschaft, wir dienen ihr, ihrem Wohlstand, der jeden Tag wächst. Bald wird Georgien sein eigenes Wirtschaftswunder vollbringen, das ist die Wirklichkeit. Wir brauchen unser eigenes, konkretes Wirtschaftswunder, da ich eine Patriotin bin, und mich beunruhigt das, daß jemand in dem Westen über unsere Asylanten lacht. Nein, es gibt keine politischen Gründe, weil wir in einem demokratischen Lande leben. Wenn sie um Asyl bieten (es handelt sich nur um einige faule Frauen und Männer, die hier keine normale Sache für sich finden können), das ist ihr Problem, aber was ihr Problem ist, verändert unser ganzes nationales Gesicht und unsere christlichen Brüder und Schwester lachen über uns zu viel. Die Amerikaner sind auch unsere Lehrer, sie wissen sehr gut, daß es unmenschlich ist, die Tür zu öffnen. Aber was öffnet ihre Türen immer unerwartet? Das weiß ich nicht und will ich auch nicht wissen. Marie schaut sich ein Paar in dem Garten an, die einander küssen. Siehst du, wie schamlos sie sind?! Diese unverschämte Frau küsst mit ihren schmutzigen Lippen diesen jungen Mann direkt hier, in dem Garten! Sie seufzt. Zwei jungen Polizisten gehen spazieren, mit der Waffe am Gürtel, der Mantelkragen hochgeschlagen, reden über etwas, und schauen sie sich auch streng das Paar an. Es ist schon keine Liebe mehr, sagt der ältere Polizist; mir ist übel dran. Ich bin fünfundzwanzig, ein ganz normaler Mann. Neben den Linden bleiben sie stehen. Das gefällt niemandem, sagt hinter ihrer Brille eine alte Dame zu laut, die auf der Bank sitzt und eine populäre Zeitschrift liest, unsere Kinder müssen das nicht bemerken. Das ist ihr Problem, wenn sie keine Wohnung haben. Aber es ist auch nicht wahr. Das ist weder wahr, noch falsch: Finden Sie ein Zimmer, wenn sie wollen! Aber wollen sie das nicht. in meiner Zeit war alles ganz anders. Als ich zu arbeiten begann, hatten wir auch kein Zimmer, nirgendwo konnten wir _ ich und mein Mann übernachten, aber haben wir jedoch drei Söhne und zwei Töchter, jetzt. Ich leiste meine Pflicht, bis heute. Nicht wir brauchen unsere Kinder, sondern unsere Heimat, unsere heilige georgische Erde braucht sie. Sie besichtigt einen jungen Mann, der keinen freien Platz in dem Garten finden kann und der sich auf ihre Bank setzt, ja, damals war es auch zu schwierig, eine Familie zu gründen, aber wir waren auch sehr jung, fleißig und lustig. Nein, wozu brauchen wir unsere blutigen Kinder, wenn sie ihrerseits keine Lust mehr haben, unsere heilige Traditionen zu akzeptieren? Nein, wir brauchen höchstens zwei oder drei Söhne, keine Tochter, da die Frau nie zu Hause bleibt, und gehört seinem Mann. Nein, wozu braucht eigentlich dies Mädchen diesen jungen Mann, der zu arm zu sein scheint?! Sie haben, diese jungen Frauen keine Vernunft. Ihre Erfahrungen zu diesen Sachen scheinen einfach direkt lächerlich, skandalös zu sein, da sie noch nichts wissen. Marie, kannst du aufstehen? Fragt Inge sie plötzlich, ich kann nicht mehr hier bleiben. Weiß ich nicht, warum, vielleicht, weil der kalte Wind weht. Beide stehen auf und gehen. Nicht nur die alte Frau, sondern das Paar, die Polizisten, alle interessieren sich für sie. Es ist sehr angenehm, daß sie Interesse an uns haben, sagt Inge.



Salvador Dali. Die zerrinende Zeit

21. 02. 2007

 

 

 

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