Verlust

Zweites Kapitel

Aber ich kann leider nur ein bißchen Licht in diese Angelegenheiten bringen, weil ich mir leider nur sehr oberflächlich, aber so oder so noch vorstelle, weil ich zu dumm bin. Sie können verstehen, z. B. wie schlecht ich Deutsch spreche. Macht nichts. Ich hätte auch gerne alles besser geschrieben, an alles besser gedacht, aber glauben Sie mir, bitte, ich bin leider keine Persönlichkeit! Wie super toll ist diese Welt.

Gehen wir, verlassen wir ihn, diesen jungen Mann, der ohnehin verlassen ist, der auf dem Boden direkt vor der Tür sitzt, bewegungslos, und lernen wir Jakob, den Rektor einer medizinischen Hochschule kennen. Er sitzt jetzt in einem schlecht beleuchteten Restaurant, mit zwei jungen, geschmacklos, aber sehr modisch angezogenen, sympathischen, jungen Damen zusammen und trinkt, aber nicht den georgischen Wein: er trinkt keinen Tropfen Alkohol, seine Energie will er für seine primitiven Gehirnteile und den Schwanz, für die nächste klare Nacht sparen. Die Mädchen lachen, da sie schon, das sie schon das finden können, was sie immer suchen!, und suchen sie eigentlich, beide, immer nach etwas, ganz romantisch und sehr schlecht. Keine Liebkosungen, Umarmungen, kein einziges Wort sagt er über die nächste Nacht, die sie, alle feierlich verbringen möchten, da er dafür zu reich ist, und nur ein Einzellzimmer in einem billigen Gasthaus zu haben braucht er nicht, er braucht nicht zu leugnen und als er etwas bestellt, beginnt gleichzeitig sich persönlich selbst zu charakterisieren. Die junge Dame, die neben ihm, in der Nähe sitzt, sagt, sie liebe Manon Lescaut. Der Rektor spricht, er fühle sich immer, bis heute, zur Literatur hingezogen. Er sagt: nur die georgische Sprache kann alle Bewegungen des Geistes ausdrücken. In jedes einzelne Wort, diese Materie müssen wir tief eindringen und wenn wir etwas Schönes schreiben wollen, müssen wir ganz frei sein! Wenn ein Mensch meine Hilfe braucht, bin ich immer bereit, ihm zu helfen, da der Altruismus, der in den wenigsten Werken ausgedrückt wird, ist eine reale Gewohnheit sowohl der Schriftsteller, als auch der geschmackvollen Leserinnen und Leser. Jeder echte Schriftsteller soll nicht immer allein, hungrig sein, er soll sich nicht verlassen fühlen; er soll, noch mehr, keine Angst vor dem Leben haben! Aber das heutige Leben ist zu streng, es zwingt uns, unsere Fähigkeiten, besser zu entwickeln und sehe ich schon keine einzige Schriftstellerin oder keinen einzigen Schriftsteller in Georgien, deren / dessen Bücher jedem intelligenten Menschen gefallen. Das ist die Tatsache. Unsere bittere Realität. Und wenn ihr meine Hilfe braucht, kann ich euch helfen: wir haben viele neue Austauschprogramme. Es tut mir nur leid, wenn begabte Studenten in dem Westen bleiben. Ihr könnt, z. B. In Deutschland sowohl ein bißchen Geld verdienen, als auch eure Chancen verbessern, eure Zukunftserwartungen und eure Chancen enorm verbessern, sagt er. Bald ruft ihr Vater Marie an. Ich habe, Papa, einen Menschen gefunden, geht sie in die Toilette hinein, sagt, wir: ich und Inge, sitzen in einem unbekannten Restaurant, nicht sehr weit von unserem Haus und komme ich, wie immer, nicht in etwa zwanzig Minuten nach Hause, sondern nur morgen, ich will diese Nacht hier oder irgendwo aber nicht zu Hause verbringen. Das Väterchen weiß, versteht, dass der Rektor selbst kein Vogel ist, er hat einen sehr kleinen Vogel in der Hose, nein, er hat keinen Vogel, er beobachtet immer alles, weiß er immer alles, was mit seinem lieben Töchterchen passiert, aber schließt jetzt die Augen: Rektor ist Rektor, er ist zu alt, er ist kein Student (keine “traumhafte, innerlich und äußerlich schöne, leidenschaftliche Gestalt”), und muß seine Tochter auch endlich eine bessere Zukunft haben. Das heißt, wenn sie in Deutschland bleiben will, wird er, dann, einmal selbst in die Heimat mit seinem eigenen, neuen Auto zurückkommen, aber sagt er jedoch etwas über gewisse Traditionen. Marie, morgen hast du viele Vorlesungen, vergiß sie auch nicht, sagt er. Paka, Papa, antwortet Marie und beneidet ihre Freundin, die jetzt lächelt, weil ihr Vater in Abchasien ermordet worden ist. Du weißt das, Marie, meine Mama stammt aus Moskau, sagt Inge zu ihm und ist es uns ganz egal, werde ich diese Nacht zu Hause oder in einer ganz fremden Wohnung verbringen. Er sagt zu leise, daß niemand hört, seien diese beiden jungen Damen Arschlöcher, die nichts direkt über ihre Fantasien sagen, weil sie bereit sind, einen Mann körperlich (auch noch eigentlich wieso?) zu lieben, der ihnen nicht gefällt, aber der mehr Geld, Gewalt hat und selbstsicherer ist, als junge Männer, die keine reichen Väter haben aber die, zu ihrem leid, sympathisch sind und selbst auch nie direkt von ihrer Sexualität (ihren sexuellen Problemen) sprechen. Und sitzt der Rektor, ihren Meinungen nach, auch ein dunkles, schmutziges, faules, stinkendes Arschloch am Tisch, lacht er und schweigt, bis jemand wieder zu sprechen beginnt. Seine Gewalt schmeckt ihm gut. Er sagt, er kenne persönlich nicht nur viele Mitglieder der ersten Partei Georgiens, die immer gewählt wird, der nationalen Bewegung, sondern auch direkt alle BotschafterInnen aller deutschsprachigen Länder und von Frankreich, die alles tun können, was er sage, und er habe zwei Millionen in der Bank, deren Besitzer er einzig und allein sei – und von der die Differenzen zwischen den Rentnerinnen und Rentnern und die ganze Rentenversorgung in dem Lande kontrolliert wird; viele Rektoren in dem Westen kennt er auch: und ist die Zusammenarbeit, sagt er, an dem Bologna Protokoll immer noch peinlich, aber arbeiten wir, alle, an diesen Texten trotz allem sehr fleißig. Die Mädchen flüstern schon hinter seinem Rücken leise und lächeln. Sie würden vielleicht gerne sogar von diesem Rektor verführen lassen, weil er trotz allem besser aussieht, als junge Leute, die hungrig sind. Er ist kein junger Mann, für dessen Ausbildung und, in Wirklichkeit, sagen wir das auch, Unterdrückung, Verblendung (wie Theodor W. Adorno geschrieben hat), _ bevor sie noch jung sind, alle: Kirche, Staat, Familie usw, sorgen, da sie immer keine Lust haben, sie kennen zu lernen, und sie haben auch ihrerseits kein einziges Zimmer, sie, ihre Männer einzuladen und alles zu tun, was man überhaupt gern tut, selbstverständlich wenn man nicht so ermordet ist, daß alle Verhaltensweisen verabscheut. Meinerseits ich sage: ich kenne keine einzige Frau in Georgien, keine Frauen in allen verschiedenen Kreisen, egal, sind sie arm oder reich, wie reich sie immer sein wollen, persönlich, in deren Verfügung nur ein kleines Zimmer steht, weil ihr Leben ganz oder von ihren Männern, oder ihren reichen Liebhabern abhängt. Noch mehr, _ diese Frauen wissen nicht, wie und warum sie immer so unbefriedigt und frech, nervös sind; diese Frauen verstehen nichts und sie sind entsetzlicher, als alle unverbesserlichen Männer, die selbstverständlich leider niemand ändern kann. Probleme der Mehrheit bestehen darin, daß sie Minderheit werden will und finden für diesen Zweck leichte Möglichkeiten: sterben aus. Diese Probleme reflektiert Harold Pinter und wenn Sie meine Bücher lesen, ich empfehle Ihnen auch seine Werke zu lesen. So ist das sexuelle Leben (ohnedies ist dieses leben ja wirklich kein Leben) eine seltsame, geheimnisvolle Sportart der Elite, Fahrkarte der Dunkelheit, wenn diese armen Leute verheiratet sind.

Aber erzählen wir noch etwas, sagen wir noch etwas: alle essen jetzt frisch gekochte Eier mit Tomatensuppe, Fische, Hühnerfleisch, Marmelade und Schokolade, trinken Borjomi, weil für den Rektor seine Gesundheit sehr wichtig ist, so wichtig, daß seine Hoffnungen direkt vor unseren Augen, Ohren und Nasen platzen können, sie schweigen und sehen einen alten Film ruhig. Inge sagt: mir gefällt dieser Film, schon in der Kindheit gefiel er mir, diese originelle, relativ neue Kunst scheint unsterblich zu sein (die eigentlich, wie SIE wollen, die Filmleute, nach seiner ersten Erscheinung in Frankreich nichts mit dem schönen Namen des Lebens zu tun zu haben scheint), und sagen sie wirklich nichts. Aber vergrößern wir das Bild: eigentlich, was essen sie, alle? Das Hühnerfleisch enthält Körperteile – sagen wir das besser - die kleinsten toten Körperchen der Mutter des Rektors, die, ganz natürlich, in ihrem Bett ruhig starb, diese müde, alte, egoistische Frau, die, während die Geheimdienstler eines der entsetzlichsten, unmenschlichsten Reiches, der Sowjetunion, die, nach ihrer Gründung alles und alle zu Grunde gerichtet hat, als fast alle, wir, manchmal, oft keine richtige Tür finden dürfen, die Tür in dem nächsten Hause aufbrachen, in ihrem, _ damals noch von keinem Mann besuchten Bett, jedoch ruhig schlief, schlechter, als dieses Fleisch. Marie denkt an den jungen Mann, der sie vorgestern kennen gelernt hat, dessen Namen sie nicht kennt und der ihr jeden Tag eine SMS schickt. Kein Problem, sagt sie, ich gehe heute nicht nach Hause. Sie verstehen, wie wichtig es ist: meine Eltern können mich nicht anrufen, Herr Rektor, aber ich will hier jetzt schon wirklich bleiben, das ist meine einzige Entscheidung. Ich soll aber jetzt sofort aufstehen und gehen. Ich hoffe, sagt er, der heutige Abend hat euch sehr gefallen. Ja, besonders der Film, antwortet Inge, wir sehen ihn gern. Nein, gehen wir. Aber wohin? Ich weiß, wohin. Seid ihr, beide, mit mir einverstanden? Warum denn eigentlich nicht, Herr Rektor, antwortet Inge und schaut sich Marie an, wartet stehend, bis sie etwas sagt. Wenn du nach Hause willst, tu etwas sofort, sagt Marie. Alle stehen auf. Marie rührt den Rektor mit ihrer Brust, nachdem er lacht. Ihr seid sehr schön, einfach sehr schön, sehr schön, sagt Der Rektor, gibt dem Bettler eine kleine Münze, die er in seiner Tasche gefunden hat und er sagt: vielen Dank! Er zeigt den Mädchen sein neues, blaues, wunderbares Auto. Alle steigen ein und fahren. Neben dem Gasthaus, dessen Lichter Marie an ihre Kindheit erinnern, steigen sie aus und gehen ins Gebäude schon lustig, feierlich, fast schon zufrieden, hinein.



Salvador Dali. Die zerrinende Zeit

21. 02. 2007

 

 

 

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