Glück

Zehntes Kapitel

Valeri sitzt an seinem Tisch, vor seinem PC, der seine tatsächlich unbegrenzte Gewalt noch einmal betonen muss, nachdenklich und unruhig, allein in seiner Wohnung, fährt sich mit der Hand über die Stirn, gleichzeitig nimmt Kognakflasche, trinkt, lächelt und liest Aufmerksam Magdas Brief. Das sind fünf weiße Blätter, die unsere böse Zeit noch nicht vernichtet hat!

Magdas Brief

„Am morgen heute wurde ich von einem Mann, den ich absolut nicht kenne, festgenommen (das ist natürlich eine rechtswidrige Festnahme), entführt und dann von ihm in einem alten, grausamen, bösen und strengen Haus aufgeweckt. Ich wache auf und sehe, daß die Gegend mir ganz unbekannt ist; erstmals in meinem Leben verstehe ich, was Alleinsein bedeutet. Das ist ein blaues Haus, in einem Wald aber welche Straße es ist und welcher Wald es ist, darf und kann ich nicht beschreiben. Ich habe keine Ahnung davon, was passiert. Eins ist klar: draußen ist immer niemand. Aber sei nicht nervös, mein Liebling, mir geht schon relativ gut, wie es natürlich überhaupt einem Menschen in so einem extremen Zustand gehen kann. Allerdings ist es nicht sehr schlecht.

Plötzlich sehe ich: die Tür öffnet sich und kommt ein junger Mann herein (das geschieht in derselben Zeit, als ich normal noch nicht, absolut auch nicht aufgewacht bin), so hochgewachsen, wie Brad Pitt. Keine schwarze Maske verhüllt schon sein sympathisches Gesicht. Mein Liebling, verzeihe mir, daß ich den Tatort nicht beschreiben darf, es ist unmöglich. Ich hoffe, du kannst mich verstehen. Verzeihe mir auch, daß dieser Brief meine Gabe des Schreibens nicht sehr gut beweist, alles passiert jetzt schon sehr schnell, ich will natürlich sagen: extrem schnell. Ich hoffe, du kannst mich verstehen und mir manche Fehler, die dieser Text unbedingt enthält, verzeihen und diese Fehler bald vergessen. Meine weibliche Intuition hilft mir, zum Glück, ich verstehe, das hier alles nicht in Ordnung ist, das alles ist hier nicht in Ordnung, trotzdem jetztalles in Ordnung sein muß. Ich habe panische Ängste...

Mein Liebling, erinnere dich an diese Welt, die dich nicht verdient. Du liebst mich und ich zweifle keinen Augenblick lang daran, daß du mich aus dieser Verlegenheit helfen kannst. Nur die Liebe leuchtet alles nicht sehr stark (verzeihe mir, ich denke nicht so)! Ich bin dankbar, daß ich schreiben darf.

Diese Banditen sind prinzipiell nicht so sexuell und schrecklich, wie man behauptet. Er ist ein sehr ruhiger und witziger Typ und geht sehr freundlich mit mir um und wenn er nicht pfeift, höre ich seinen leisen Atem im Zimmer, wo Stillschweigen und Dunkelheit herrschen (aber wann werden eigentlich meine Organe schließlich gestillt sein? Ich finde, es ist etwas Unmenschliches, daß, wenn sie gestillt werden, immer noch Liebkosungen benötigen, die leider in dieser Epoche uns noch zwingen, uns zu bewegen und nicht unterdrückt sein zu wollen), weil hier niemand außer uns ist, niemand kann mich daran hindern, - TROTZ ALLEM - glücklich zu sein.

Mach dir keine Sorgen: es gibt keine sexuellen Beziehungen und Belästigungen, Übergriffe, glaube mir, überhaupt keine tierischen Beziehungen. Zwischen uns ist nichts! Er scheint kein typischer Bandit zu sein. Er ist sehr nett zu mir und als ich ihm über Anna erzähle, er weint, aber so, daß ich seine Tränen nur mit großer Mühe sehen kann, seine Tränen, die immer auf seinen Wangen und in seinen Augen stehen, während er in seinem Bett liegt (mir kommt vor, daß ihr kleiner, schöner, mit vielen Rosen bedeckter, fast lebhafter Körperjetzt auch irgendwo vor meinen Augen liegt. Diese Vision läßt mich nicht, noch nicht. Wahnsinnige Zeitungsgeschichten über diese armen Leute hasse ich schon. Unsere zeitgenossischen Räuber und Entführer sind so weiblich, daß ich mich selbst schäme unglaublich, daß ich das schreiben muss. Na ja, heutige Banditen haben keinen starken Charakter! Diese Illusion habe ich auch spontan verloren. Ich werde hier gut, besser gesagt, königlich ernährt: Royal-Black-Kaviar, gebratene Pilze, Erdbeermarmelade (diese Marmelade erinnert mich leider an dich), und ich kann essen alles unverhindert. Erwarte seinen Anruf. Vielleicht wird er dich anrufen.

Hier herrscht auch frische Luft. Der südliche Wind weht und flüstert, vielleicht will uns etwas sehr Wichtiges erklären, aber wir, alle, hören ihm nicht zu. Wie denke ich jetzt an Anna, besonders hier. Im Stich kann man verrückt werden. Wie liebe ich dich?! Mein Gott, wie schrecklich liebe ich dich, wie leidenschaftlich ist dieses Gefühl! Wenn du das gewußt hätte, würde ich sehr glücklich sterben. Aber ich habe mich in der Tür geirrt: niemand kann das mit keinem einzigen Wort ausdrücken. Ich korrigiere meinen Text und drücke das jetzt schon besser aus: wir können die Liebe nicht verstehen. Wenn du das auch begreifst, ich freue mich einfach sehr. Mir ist ganz genug dein Glück, mir ist genug, dass du glücklich bist. Ich strebe keine körperlichen Beziehungen an, was jetzt unmöglich ist. Ich frage mich öfter, als nie zuvor: soll die Liebe wirklich etwas sein? Warum lieben wir nichts und niemanden? Warum denken wir an alles nur, wenn wir gezwungen sind, besser gesagt, wenn jemand uns zwingt, zu lieben oder gar nicht zu lieben? Warum hat uns das niemand gelehrt? Warum sind wir, alle, so entsetzlich unerfahren? Gott weiß, wie schrecklich ich dich liebe, wie ich meinen einzigen Mann liebe, der alles kann. Nein, es ist wirklich nichts zu verbessern. Wir sind ganz allein. Wir, Drei. Wir gehören zusammen.

P. S. Ruf sogar den Präsidenten an, störe sogar IHN. Ich hoffe auf seine schärfe Reaktion. Aber zuerst versuche mit ihm in Verbindung zu treten, oder wenn du, leider, wie immer, zu beschäftigt bist, ruf direkt, so schnell wie möglich, meinen Vater an.

P. P. S. Versuche immer schön zu bleiben, mehr Kalorien zu brennen, mehr Kalorien, als jetzt. Mein Mann (du bist mein Mann, wer eigentlich noch?!) ist nicht so dick, kleingewachsen und abscheulich ist, wie die meisten respektvollen Männer. Du hast ein gutes Vorbild, mit dem du dich identifizieren kannst: unseren Präsidenten."



Hieronymus Bosch. Garten der Lüste

16. 01. 2008

 

 

 

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