Alex wohnt wieder in Gavazi. Eines Tages geht er ins Vorzimmer, einen Teller Bohnensuppe zu essen und ein Glas Tee mit Käse zu trinken, die die Mutter auf den Tisch stellt. Er trinkt langsam den ersten Schluck. Der Tee ist heiß. Der Vater sagt gewöhnlich nichts, singt ruhig eine Melodie an dem Tisch. Er schaut sich Alex mit seinen erschrockenen Augen an und fängt an mit seiner ruhigen Stimme zu sprechen: mein Sohn, du bist schon kein Kind! Ich will jetzt zum ersten Mal in meinem Leben, ernsthaft mit dir über deine Zukunft sprechen, aber du gibst mir leider keine Chance bis heute; du verstehst nichts oder willst du nichts verstehen. Du verstehst nicht, was ich sage. Du tust mir sehr weh. Ja. Du bist ganz unzufrieden und verzweifelt, jetzt, da deine Mutter uns dient, den Tisch deckt. Das ist ihre Rolle, ihre Pflicht. Deine Phantasien sind kindlich, ich kann nicht daran glauben, was du sagst, was du immer beweisen willst. Kein einziges Wort finde ich normal, was du sagst. Schon in der Armee, in Afghanistan kannte ich solche Leute, wie du. Du kannst keine Arbeit finden, an der Universität willst du auch nicht studieren. Über alle Leute lachst du, die wir im Fernseher sehen. Heute bist du schon dreiundzwanzig Jahre alt. Dein Leben, dein Leben ist kein Traum, merke dir das sehr gut! Unser Leben ist kein Traum, wach auf, sonst wird einmal alles wirklich vorbei sein! Ja, die Realität ist sehr streng, aber ist das unsere Realität und haben wir keine andere Wirklichkeit mehr. mir ist es auch nicht sehr angenehm, an jedem Tag in dieses Werk arbeiten zu gehen. Ich träume auch von etwas. Ich kann meine Arbeit nicht verlassen, unser Chef braucht mich, die Arbeitslosen sind überall zu viel, und kann ich nichts sagen. Wenn ich heute nicht gehe, wird morgen jemand meinen Platz nehmen, genau, wie in einem Bus. Diese Arbeitsplätze sind tödlich, sagt Alex ruhig. du hast keine Ahnung davon, was tödlich und was nicht tödlich ist, mein Sohn, sagt der Vater ruhig. So kannst du über alles sagen; das ist nicht wahr. Einfach, jemand lebt ruhig, duldet, wartet auf etwas und manchmal gibt ihm das Leben eine Chance. Auf diesen Augenblick müssen wir immer warten, fühlen, wann er kommt und ihn nicht verlieren. Nur dann wird man dich lieben. Nur, wer zu viel Geld hat, darf verliebt sein, ohne Geld braucht dich niemand; ohne Geld kommt niemand zu uns und sagt: bitte, lieber Alex, oder lieber Thoma, erwache! Wir tun alles selbst, und wenn wir nichts tun, sind wir immer nichts. Das ist nicht sehr schwierig zu verstehen. Das wiederhole ich jeden Tag. Wir konnten jetzt nicht ins Kino gehen, heute ist das Gebäude zerstreut. Warum? Einfach, wir können diese Filme zu Hause sehen, wir brauchen nicht mehr ins Kino gehen. Unser Leben ist selbst ein Film; über unser Leben hätte ich gerne Drehebücher geschrieben und ein wenig Geld verdient, aber habe ich keine Lust dazu. Ich bin schon sehr alt. Warum lebst du hier? In diesen Filmen sehen wir vieles; das Reichtum, das so oft gezeigt wird, ist für uns wie ein Märchen. Alles ist, tatsächlich, unglaublich wie ein Märchen, alles, was wir sehen und / oder hören. Wir können nicht verstehen, daß diese Leute so verdorben sind… Noch mehr: wir sehen diese Verdorbenheit jeden Tag! In jedem Augenblick sehen wir das! Wenn wir WIRKLICH etwas sehen wollen. Niemand hilft uns, alles ist schlecht, immer waten wir auf etwas Schlimmeres, und lachen, wenn diese Wirklichkeit uns ihre schlimmsten Seiten zeigt. Besonders, wenn wir alt sind, bleiben wir ganz allein, am meisten erinnern wir uns an unsere vergangenen Zeiten. Ich freue mich, daß ich noch am Leben bin, da viele Leute schon tot sind. Darum ist mir jeder Augenblick so kostbar. Ich empfehle dir (ich bin nicht sehr unerfahren): niemand wird dir helfen, besser, als deine Eltern dir jetzt helfen. Das hat keinen Sinn, über meine Rechte zu sprechen, sagt Alex, zu diskutieren, weil ich ohnehin sehe, wie geschützt meine Rechte sind. das ist ein Schwachsinn _ wir haben keine Rechte, dieses Märchen klingt sehr naiv, das ist von den Politikern erfunden, die genug gewissenlos und sehr froh sind, daß niemand sie beunruhigt. Und sie sind noch davon ganz überzeugt, daß Gott in dem Himmel lebt, aber denken sie nie an etwas, was ihre ferne Zukunft zu sein scheint und reicht ihnen die Vernunft nicht, über diese Ferne ein wenig nachzudenken, zu wissen, wie nah sie immer ist. Ich versuche nie, sie davon zu überzeugen, daß wir auch noch am Leben sind, atmen, brauchen etwas, jedoch werden Sie uns nichts geben! Und sprichst du jetzt über irgendwelche Gesetze, die nach dem Mittelalter nur ein wenig verändert sind und nichts mehr. ich hasse alle Gesetze, egal, sind sie gut oder schlecht geschrieben. Aber ich hasse nur diese Gesetze. Ich hasse alle Gesetze, trotz ihrer Richtigkeit, trotzdem sie richtig oder unrichtig sind. Ich bin vielleicht ein Nihilist (ich weiß genau nicht, wer ich wirklich bin), da jetzt es unmöglich ist, wirklich etwas zu wissen; was ich wissen will, kann ich jetzt nicht wissen. Meine Verzweiflung hat keine Grenzen und hoffe ich auf NICHTS. Ja, ich kann mich nicht umbringen, das Leben, dieses Leben liebe ich jedoch sehr. Ich fühle mich sehr unsicher, viele sind schon nicht hier, wo sie sein wollten. Aber denkt an sie niemand. Das ist unerträglich. Ich bin nicht so erzogen, diese unerträgliche, geheimnisvolle Sehnsucht kann mich früher oder später vielleicht zu Grunde richten. Das ist mein Leben, mich bewertet JEMAND, und kann ich jetzt nichts mehr tun. Ich kann das auch nicht sagen, was ich sagen kann, also, jeder Schurke kann über mich jetzt lachen, da was ich denke, unglaublich, noch mehr: für sie fast nicht logisch ist. Diese Leute können wissen, was logisch ist oder was keinen Sinn hat! Ja, ich bin zu dumm, kann nicht natürlich noch etwas wissen. Darum hasse ich jede Ideologie, jede normale Art und Weise des Lebens. Ich spiele immer, daß ich mich für diese Sachen interessiere. Ich spreche fünf Sprachen, nicht schlechter, als Georgisch, aber noch kann ich nicht sagen, was ich sagen will, da niemand, meiner Meinung nach, fast niemand das verstehen kann. Ja, teilweise, können viele Leute vieles verstehen, aber nicht alles, wie ich sehe, das ist unmöglich. Ich hoffe, ich kann sehen, wie schrecklich dies Leben ist! Das ist nicht das, alles. Wenn ich etwas sage, sehe ich immer lächerlich und dumm aus, das kann ich auch nicht mehr verstehen. Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin, was ich tue, wohin ich gehe. Das ist vielleicht, meinst du, schwierig zu verstehen, aber das ist ja wirklich so. Ich kann nicht sagen, was jeder Mensch tun muß, das kann ich nicht sagen. Ich schweige. Das werde ich nie tun. das ist nicht meine Sache. Das ist keine Sache. Das ist nicht das, was ich will. Nein, ich bin nicht so verliebt, wie man sagt, wenn man solche Leute sieht, wie ich. Vieles habe ich noch zu erzählen. Ja, man kann jetzt daran denken, daß es schön ist, daß ich an etwas denke. Ist das gut oder schlecht?! Das ist, vielleicht, weder wahr, noch falsch. Ich bleibe zu Hause, ganz allein, niemand interessiert sich für mich (ich bin nicht sehr naiv!), aber tut es mir nicht mehr weh. Du kannst nicht wissen, das es angenehm ist. Ich brauche keine Hilfe, da wenn mir jemand hilft, fühle ich mich immer sehr unsicher. Die Mutter, die ruhig auf ihrem Stuhl sitzt und ihren Tee trinkt, beginnt zu sprechen: Mein Sohn, du bist nur ein wenig krank und nichts mehr! Dein Zustand ist nicht ernsthaft. Einfach, du bist schon kein Kind und kannst du das selbst nicht verstehen. Natürlich! Die Folgen deiner Krankheit sind teilweise durch dein Alter bedingt. Der Arzt, in Tiflis, sitzt an seinem Tisch, sieht dich mit seinen hoffnungsvollen Augen an, trägt ein schweres, schwarzes, silbernes Kreuz und in seinem Zimmer riecht es nur ein wenig nach Nelken, aber seine Methode gefällt mir sehr. Er sagt wirklich immer nichts Unangenehmes. in diesem Krankenhaus ist alles sehr schön, blau; diese Farbe liebe ich sehr, nicht darum, weil es einfach blau ist, sondern darum, weil ich nicht weiß, warum ich diese Farbe liebe. Diese Farbe entspricht einfach meinem Geschmack. Stolz ist er auf seinen Beruf, da er jede Grenze sehr gut zieht. Nein, ich will nicht sagen, daß er strenger sein sollte, trotzdem er überhaupt manchmal etwas Strenges anrichten kann, aber ist das jedoch wirklich dein Schicksal. Das Schicksal ist das, ich weiß, wie bitter es ist! Du bist jetzt zu Hause. Du brauchst nicht mehr jedes Stück Brot, jeden Schluck Wasser, Tee oder Kaffee so (das sage ich auch nicht ganz richtig!), wie in Achalsopeli, genießen, hier hat alles einen großen Sinn. Du kannst hier auf dieser schwarzen Couch, auf deiner alten, schwarzen Couch liegen wie du willst, an nichts denken und für nichts sorgen. Du bist zu müde, warum willst du dich nicht erholen? Geistig bist du nicht sehr krank, glaube mir! Diese Zeit ist einfach sehr schlecht und du kannst das nicht verstehen. Viele Frauen sind einfach, sehr verzweifelt _ ich verstehe sie: ihre Träume verschwinden, niemand hilft ihnen, oder, wenn jemand ihnen hilft, in meisten Fällen nur so, wie jemand das will. Öffne diese Milchflasche nicht so, sondern so, die Mutter zeigt ihm mit den Fingern. Jetzt, verhüllen wir etwas, immer müssen wir etwas verhüllen, ohne Ende, in jeder Zeit haben wir unsere Geheimnisse. Warum ißt du diese Bohnensuppe so schnell? Oh, sie ist schon zu kalt. Einfach, müssen wir etwas wissen, bis es nicht zu spät ist. Jetzt erinnere ich mich an deine Kindheit, darf ich?: du stehst vor der Bäckerei, es ist 1993, in der Mitternacht, dir ist kalt, die Leute warten auf schwarzes Brot oder ein bißchen Teig, du stehst ohne zu seufzen, stundelang, im Garten, es brennt das Feuer, jemand schreitet mit der Waffe in der Hand und schimpft über uns… Die Leute sind hungrig, aber patriotisch begeistert. Diese Politiker wissen sehr gut, wie anziehend diese Idee ist, und tun sie ihre Sachen. Was wissen Sie? Nein, der Patriotismus ist sehr gut, aber sind wir jedoch überall rot, wenn wir über unsere Herkunft zu sprechen beginnen. Was ist der Patriotismus? Das kannst du jedoch nicht verstehen, trotzdem du in einem kleinen Lande lebst. Das ist deine Heimat. Hier ist deine Heimat und nicht überall, wie du glaubst. Aber du glaubst zu tief daran, daß der Patriotismus nichts ist. Ja. Das vergiftet alle und alles, antwortet Alex, und ihm liegt die Religion zugrunde. Jetzt, wenn die Kirche allmählich ihre Anhänger verliert, existiert ihre Moral noch und ist das, meiner Meinung nach, schlimmer, als jede Religion. Von dieser Zeit habe ich dir schon erzählt, ich erinnere mich jetzt gut, wie ich in dem Garten stehe, wie ich in der Nacht vor der Bäckerei stehe und manchmal, oft auf nur den schwarzen Teig warte, den der Bäcker bald in meine Pakete steckt und aufs Fensterbrett legt. Nirgendwo fühlst du, daß du ein Kind bist, zehn Jahre alt, und wiederholst fast tausendmal: meine heilige Maria! Das ist mir unverständlich gewesen, warum sie mir nicht half ja, was habe ich angerichtet, antwortet Alex und lacht. Jetzt sind wir schon nicht so arm, antwortet ihn die Mutter, das vergiß nicht! Unsere Werke produzieren auch etwas, das sind auch unsere eigenen Erfolge. Alex schweigt. Zu viel Lesen macht krank, du liest bis heute zu viel, in zwei Stunden einen ganzen Roman oder mehr, fast sechzehn Jahre lang schon. Es tut mir sehr leid. Morgen fahren wir nach Tiflis. Ich habe meinen Lohn bekommen. Ihm will ich dich zeigen, mir ist sehr interessant, was er an dich denkt. Das ist sehr wichtig. Vielleicht weißt du nicht, wie er sich an dich erinnert. Er ruft mich oft an. Alex sitzt, versteht nichts und sagt leise: Ich bin sehr müde, Mama. Diese Nervosität zerstört deine Gesundheit. Was beunruhigt dich? Warum sagst du immer nichts? _ Ich bin deine Mutter, deine Mutter, verstehst du das? Gut, ich verstehe, dein Leben ist heute einfach unerträglich. Jetzt sollst du im Bett liegen, ruhig. An die Frauen denke auch nicht, das ist sehr ungesund! Alex steht auf legt sich ins Bett. Es ist ja wirklich keine richtige Zeit, schlafenzugehen, sagt die Mutter, aber dir ist schon alles ganz egal, aber was mit dir los ist, das sehe ich, braucht meine besondere Aufmerksamkeit. Alex schweigt, sagt nichts, schließt die Augen und versucht einzuschlafen...