Glück

Viertes Kapitel

Beide: Anna und Magda, suchen Freunde, aber nicht so, wie ein normaler Mensch gewöhnlich suchen kann, dumm, nein: sie suchen neue Helden. Beide verstehen einander (wortlos, wie sie das oft sagen) weil die Natur sie zwingt, zum Glück (wer hört ihr oft zu?) einender zu verstehen und werden sie, selbst von ihnen endlich, gefunden. Sie sprechen beide von den Männern, die Magda im Saal kennen gelernt hat. Sie sind beide Satanisten, haben sie endlich ihre wahren Plätze gefunden (das Reich von Jesus Christus scheint für sie vielleicht nicht genug hart zu sein. Noch diese Welt genügt nicht!), und wollen diese Frauen erobern, aber sie wissen nicht genau, dass Valeri, wie jeder Mann in Georgien, sein Eigentum hat und dass diese Frauen nur ihm gehören. Sie gehören nicht ihnen, diesen Satanisten, nein, sie gehören einem Christen, ihre schon endlich freien Beziehungen wollen sie mit jemand anderem vertiefen (vielleicht, meine Bücher oder noch irgendetwas haben sie gelesen), genau nur mit diesen öffentlichen Personen. Nicht nur der Sport macht den Menschen gesund und kräftig, sondern auch der Krieg (?). Es geschieht so: Anna sitzt auf dem Stuhl und ist ein bisschen melancholisch geworden. Magda trinkt Limonade. Beide glauben, dass sie schon vieles erlebt haben und wollen nichts mehr sehen, riechen, schlucken und hören. Nur die Mädchen verstehen einander, die Frauen verstehen nicht einander, aber hier, in der Heimat der Revolution passiert noch etwas. Magda beginnt zu sprechen. Ihre Stimme ist trocken, wie trocken ihre Schamlippen auch sind, die Nase ist klein und ihre Lippen sind weiss. Du weißt nicht, Anna, in Wirklichkeit wie lustig ich bin. Kannst du das verstehen? Ich? Antwortet sie langsam. Wieso? Sprich, aber nur nicht sehr lange, alles ist hier sehr langweilig, ich kann hier einschlafen und dir nicht mehr zuhören. Gut. Was möchtest du sagen? Ich liebe dich. Mich? Sie schweigt. Weißt du nicht, dass ich dich meinerseits nicht liebe? Ja. Magda nickt und vergisst das Radio einzuschalten. Bald bemerkt sie, dass Anna verzweifelt ist und spuckt. Ich hasse dich! Warum, ha, Anna? Weil du kein guter Mensch bist. Du bist auch nicht mein Idol, aber jemand soll mich unbedingt verstehen, ich verdiene das, ich will jetzt schon normal leben. Aber wer stört dich? Dein Vater. Ah, Valeri? Nur jetzt denkst du daran, dass er nicht zu dir, sondern nur zu meiner gestorbenen Mutter passt? Aber deine Mama ist gestorben. Es ist ganz egal. Sie lebt trotz allem in meinem Herzen im Unterschied zu dir, trotzdem ich sie nie gekannt habe, die beste Tennisspielerin ihrer Zeit. Mein Vater hatte sie in Paris kennen gelernt. Ja, das weiß ich, sagt Magda ruhig. Doch, antwortet Anna, du bist schon kein Kind mehr und sollst verstehen, dass er dein Mann ist. Ich will unabhängig werden, sagt Magda leise, und wenn du mir hilfst, kann ich gut bezahlen. Wie du siehst, ich kann dir nicht helfen, leider, mein Vater ist ein seltener Mensch und weiß immer gehr gut, was er tut. Liebst du ihn nicht? Ja, ich liebe ihn, liebe, antwortet Magda, sein ruhig, aber er kontrolliert jeden meinen Schritt. Vielleicht, kann ich etwas tun. Was denkst du daran, ich meine, wie willst du fliegen? Ah, verwende nicht dieses Wort, das stimmt nicht: ich bin ein ordentlicher Mensch und will alles ordentlich tun, ich will kein Verbrechen begehen und kein anderes Glück finden. Offiziell, endet man solche Beziehungen mit Scheidung. So heißt das, hab keine Angst. Schon heute kann ich irgendwohin fahren und ihn vergessen, aber das tue ich nicht. Ich will noch die Hoffnung nicht verlieren, dass er mich verstehen wird, verstehst du das? Ja, das verstehe ich. Du willst Fidelio heiraten. Nein, er hat kein Geld. Ich will zuerst jemanden finden, der nicht so romantisch ist, wie er. Ich bin auch ein Mensch und ich will verliebt sein. Gehe und erkläre es ihm. Er wird sehr viel lachen. Du weißt, wie er dich braucht. Wozu? Fragt sie Magda. Bist du wirklich so dumm? Deine Verwandtschaft und dein schönes Gesicht, beide sind ihm sehr nötig, er spielt, dass er auch in derselben Pfanne der Ehe gebraten wird, wo du liegst, wie ein Fisch, wie alle, wie bei uns man sagt. Wieso kannst du so sitzen und von deinem Vater sprechen? Mein Papa ist nur meine Sache und wenn es dir nicht gefällt, wie ich spreche, kannst du gehen, kein Problem: ich bin keine Dörflerin, jeden meinen Satz und jedes Wort kontrolliere ich selbst. Okay, geh. Nach der Scheidung wird mein Vater dir kein Geld geben, er hat jetzt viel zu tun und braucht keine Probleme. Und du willst ihn jetzt verlassen. Aber stelle dir einmal vor: du stehst vor einem Richter, der unbedingt wissen will, warum du nicht mehr mit ihm leben willst. Wie wirst du nach seinen Fragen antworten? Hat er dich geschlagen, vergewaltigt, oder was? Nein, das stimmt nicht. Andererseits, mein Vater hat Rechtswissenschaft studiert und kennt alle Richter persönlich. Das ist keine Wirtschaft, deren Leute Guram, dein Vater kennt. Und vergiss das auch nicht, dass er diesen Dreck, die Scheidung im Prozess vermeiden kann. Und er kann beweisen, dass er ganz unschuldig ist. Aber die Leute werden über ihn lachen; wen jemand von seiner eigenen Frau verlassen wird, ist er kein guter Mann mehr. Die Männer können sie schlagen, sogar töten, aber die Frauen dürfen nichts tun. Es ist Georgien, hier ist kein Paris, wo die Frauen fiktiv alles erleben dürfen, sogar das ist hier unmöglich. Das passiert mit uns eigentlich nicht, weil wir Frauen aus der höchsten Klasse, aus der Elite sind, aber wir sollen die Meinung des Volkes immer berücksichtigen, und wir tun das, spielen unsere Rollen ausgezeichnet. Jede andere Meinung kann auch sehr interessant sein, aber keine andere Weltanschauung kann dir helfen. Mein Papa hat seine eigene Weltanschauung und braucht keine andere. Es ist sehr gut, dass niemand sich ernst für solche Beziehungen interessiert, oder, wenn er, also, jemand, solche Fragen im Kopf hat, drückt sehr oberflächlich und uninteressant seine Meinung aus. Mir ist auch sehr interessant, was die anderen Menschen an mich denken, aber leider ist es nicht meine Sache. Die Leute zahlen Studiengebühren, wohnen den Vorlesungen bei und wollen Journalisten, Psychologen, Soziologen oder Philosophen oder Schriftsteller werden, denken, dass die Seele etwas ist, wie z. B. Ewigkeit der Energie in Physik (das ist so gut, wie Armut!), die nicht mehr zu ändern ist. Ganz weiblich will ich nicht sprechen und jetzt siehst du, dass ich auch so begabt bin, wie ein Mann. Mein Vater steht hinter mir, besser gesagt, ich stehe selbst auf seinen Schultern. Deswegen kann ich alles so darstellen, wie ich das jetzt tue. Mein Wunsch ist es, mein Haus von dir zu befreien, sage ich ganz offen; du sollst fliegen und meinen Vater vergessen, aber verstehst du, dass dir in unserem Kreis nichts gehört? Soviel habe ich nie gesprochen, bitte, gehen wir irgendwohin und denk an deine Zukunft und deine Probleme selbst. Ich habe eigentlich nichts dagegen, wenn du das verlangst, was dir vielleicht wirklich gehört, aber das ist leider absurd; Valeri wird dir nichts geben und du weißt das selber auch sehr gut. Alles wird zum Glück ohne Sensationen bleiben, wie immer. Anna öffnet die Wagentür, steigt aus, geht zum Stuhl am rechten Ufer von Mtkvari, auf dem direkt in der Sonne eine alte Bauerin sitzt, nimmt ein Kilo Weintraube, zahlt 1 GEL, kommt zurück, steigt wieder ins Auto und beide schweigen, essen Weintraube und sehen sehr müde aus. Ich weiß, was du wirklich brauchst, sagt Anna nach einer Weile. Meinen Vater sollst du davon überzeugen, dass du ihr hintergehst, ihm Beweise geben, zeigen, dass du ihn nicht mehr brauchst. Es ist sogar schwierig zu planieren, aber theoretisch ganz möglich. Ihn kenne ich sehr gut. Er will, dass alle ihn in Ruhe lassen, weil er ein Konformist ist. Die Ruhe – das ist alles, was er überall anstrebt, sehr interessant, dass er freiwillig am Krieg im Irak teilnimmt und noch ein wenig Gewissen hat. Nein, sein Gewissen ist nicht meine Sache, wir bestimmen nicht, was gut und was schlecht ist; was uns gut ist, kann dir oder jemandem sehr schlecht sein. In diesem Sinn, ich bin eine Materialistin. Nicht im besten Sinne, aber das hat schon keine Bedeutung. Im heutigen Prozess der Entwicklung wissen wir, dass Gott kein Interesse an unseren Betätigungen hat, d. H. sie sind nicht sehr wichtig. Er glaubt so. Und wir leben irgendwie ohne ihn, hier, auf der Erde. Was das Paradies betrifft, es ist unbekannt, wo es sich befindet, aber was wir propagieren, ist immer richtig. Das hat mir einmal ein Professor hier, in Tiflis gesagt. Er ist sehr hoch intelligent, ein Agnostiker. Unser Ökosystem ist fast ganz kaputtgemacht worden und kommt langsam das allgemeine Ende -, das ist das wichtigste Problem unserer Zeit. Die Natur braucht kontrolliert zu sein, aber wir sind noch leider sehr schwach: du kannst sogar nicht auf die Zigarette verzichten. Und du steckst deine ganze Mühe darin, wo alles ganz leer ist. Du bist einfach, zu zielstrebig und vergisst, was für ein Dreck das Leben ist. Sexuell, ich sehe, kann dich mein Vater auch nicht befriedigen. Naja. Ich verstehe: das ist ein heikles Thema, tabuiert aber mir ist das ganz egal, ich bin die neuste Generation, die ihre neuen Werte hat und gewöhnlich nur die Stärksten bemitleidet, die immer und überall in diesem Dreck noch überleben. Ich liebe keine Mörder, wie Mädchen in meinem Alter. Nur teilweise sind die Polizisten Mörder, verhaften jemanden, wissen, dass die Situation in unseren Gefängnissen lebensgefährlich ist und die Leute eher sterben, als sie bessere Persönlichkeiten werden, trotzdem echte Wiederholungstäter nicht bestraft werden. Nur die Unschuldigen werden bestraft. Die Polizisten und Soldaten liebe ich auch nicht, sie sind, einfach, keine Männer. Wer gegen sie kämpft, wer unter ihrem Druck leidet, ist immer prinzipiell in meinem Herzen. Kein offizieller Mörder kann meine Sympathie erwecken, nur sie können das, weil sie ganz männlich gegen das Unrecht protestieren, wissen, was sie wollen. Die Mörder, die keinem Staat dienen, sind sehr romantisch – wie z. B. Ritter im Mittelalter. Ihr tapferer, echter, menschlicher Humanismus ist eine langjährige, gute, schöne, christliche Tradition, in unserem Lande, wo die Staatsbeamten so diskreditiert sind. Die Traurige Erbschaft der kommunistischen Zeit. Aber kein Problem: wir wissen, wer uns gefallen darf. Diese armen jungen Männer sind ganz sauber, egal, wer tötet und wer hinter ihm steht, wer im Schatten bleibt… Nein, nicht immer nur zufällige Mörder sitzen in unseren Gefängnissen, die Leute, die kein gutes Bewusstsein haben, also, die daran geglaubt haben, was ihnen ihre bekannten Menschen versprechen, sie sind jedoch nicht sehr naiv. Dieser Schatten, der heutige Staat nimmt immer an jedem Mord teil, aber wer kein guter Fachmann ist, gewinnt nicht. Diese armen Leute verstehen nicht das, sie vertrauen nicht denen, die keine Lust haben, einen wirklich guten Mord zu begehen, ha, ha, sie wissen nicht, wie in Wirklichkeit ein professioneller Verbrecher aussieht! Ah, nein: vielleicht, ich reche und höre das nicht, wie es ist, vielleicht wissen sie auch, aber sie wollen das nicht bemerken. Sie können von dieser Frage nicht so sprechen, wie ich das tue, warten Sie auf Gott und haben Angst, ihre geheimen Wünsche wollen sie nicht in Gedanken, Worte verwandeln, so oder so, sie sprechen zu Hause, manchmal, es sei keine Sünde. Das ist ganz wahr. Entweder wissen sie, wie ein normaler Mörder aussieht, trotzdem sie, kein Misstrauen gegenüber ihm fühlen, oder wollen sie ärmere Leute vernichten, die unschuldig und bzw. nicht so selbstsicher und selbstbewusst sind, wie diese Menschen, die auf den Tod spezialisiert sind. Egal, wer uniformiert ist oder ohne Uniform das tut. Diese goldene Mitte, diese alte goldene Mitte hat die Sowjetunion entdeckt und wenn wir, georgische Frauen fleischliche Liebe noch genießen wollen, dürfen uns nur an sie wenden: die arme Bevölkerung verabscheut ihre Polizisten, d. H., du kannst ihnen nicht erklären, warum du deine kostbare Zeit in ihrer Gesellschaft verbringst. Andererseits, du hast Recht, die Männer zu finden, heimlich, die ihrer Meinung nach, jede disziplinierte Art Vereinigung und Ordnung tragisch und gleichzeitig komisch finden. Aber nicht alle sind Mörder, die sich selbstsicher fühlen. Ich weiß nicht, wie ich das noch ausdrücken soll. Ich meine, du verstehst den ganzen Sinn. Von der Zärtlichkeit dieser Zeit darfst du auf keinen Fall träumen, es ist verboten, und wenn du mir noch nicht glaubst, kannst du versuchen, okay, dein wahres Gesicht zu haben. Der ganze Schatten (etwas, was hinter der Blockade in unserer Richtung liegt und uns manchmal sogar gefällt) wird aufstehen. Und dich bestrafen. vor allen, die zärtlich sind, sollen wir die Tür schließen, Kein Schriftsteller kann das genau beschreiben, sie sitzen am Tisch und glauben daran, dass sie gut arbeiten. Der Markt braucht nicht das, der Markt ist unbarmherzig, der Markt braucht keine Realität, nur Hoffnungen und wie die Sowjetunion ist sie auch sehr stark, trotzdem ich meine ehemalige Heimat absolut sinnlos finde (etwas Unmenschlicheres kann ich mir vorstellen), er weiß, wo die Grenzen liegen dürfen. Aber wer permanent unzufrieden ist, erholt sich, irgendwo, im Unterschied zum großen Markt, Anna lacht, solche Leute können sich nicht daran gewöhnen, dass die kosmetische Schönheit die einzige Wirklichkeit ist, die wir ihnen zeigen; so leben wir, weil, es zu gefährlich ist, an die Menschen zu denken – so kann man nur unruhig und verzweifelt werden. Lass das. Anna hält das Auto an und beide betreten ihren Sportsaal.

Beide wollen beachtet werden, und sie haben keine Ahnung, davon, dass Valeri alle und bzw. sie hasst. Im Fitnessklub sitzen sie klatschnass und trinken Mineralwasser. Sie haben schon gebadet, wie Schweine, es ist nichts Interessantes geschehen, im Erdgeschoss, wo noch zahlreiche andere Frauen und Männer ihrem bösen Gott, dem Sport ihre Zeit widmen, die sie nicht haben dürfen. Sie schreien, rennen hin- und her, nehmen Flaschen und trinken Wasser. Das Wasser ist im Schwimmbad nicht so teuer, wie in diesen Flaschen, aber ein bisschen wärmer und gut verfärbt und hellblau beleuchtet. Seine Oberfläche bewegt sich, schnell, seine Kälte lässt niemanden in Ruhe, weil sie niemanden im Stich lässt! – Im Sportsaal fühlt man sich besonders verzweifelt, man glaubt, dass alle gemeinsame Interessen haben, und betreten junge Sportlerinnen und Sportler, Studentinnen und Studenten oder Polizisten ihn fast jeden Tag. Wer sommersprossig ist, wird auch mit Creme bedeckt, ihre Gesichter sind dann weiß, wie Schnee und glänzen unter dem Lichtdruck, dessen Bestandteile und Teilchen kalt jede Ecke erreichen und Melancholie verstärken, verschärfen (was, eigentlich, niemand weiß, sonst hätte man dieses Licht auch ausgeschaltet, wie z. B. In der Schewardnadze-Zeit, und / oder jetzt in den meisten georgischen Dörfern, im Winter, aber – hören Sie zu – solche Maßnahmen sind nicht mehr nötig), wenn wir jemanden oder etwas Verlorenes suchen (nicht nur Gewerkschaften, etc.), und die Tür zufällig öffnen, können diese Art Lager besuchen. Die Polizisten sind hier nicht mehr nötig, im Klub fühlt man sich gewöhnlich gut, wie zu Hause. Die Dörfler können in dieser Zeit immer auf ihren Pferden sitzen und schweißgebadet am Nachmittag Käse, gekochte Eier oder Tomatensuppe essen und noch von der Apotheke träumen, wenn sie krank und verzweifelt sind. Man kann die Armen immer bestrafen und nie an sie denken! Übrigens, es ist so. Hier sitzt Magda schon in ihrem anderen, neueren Körper und lacht lustiger, als irgendwo, draußen, in der Sonne. Ihre Hände sind müde, ihr Gehirn kann nicht lange arbeiten und seine Funktion haben manchmal andere Körperteile zu adaptieren, bis etwas zerronnen ist... Anna hat ihre Aufmerksamkeit schon erobert -, sie sitzt auf dem Stuhl neben ihrem modernen Fitnessgerät und lacht, aber ihre Zähne zeigt sie ihr noch nicht. Das kann alles verderben, denkt sie und trinkt Mineralwasser sehr langsam. Bald kommt sie zu ihr, zeigt ihr ein neues Tagebuch, legt das Tagebuch auf den neben ihren schönen Beinen stehenden Stuhl und sagt kein einziges Wort. Beide schweigen. Auf dem Blatt steht eine Rufnummer. Was ist das? Fragt Magda sie. Das gehört alles mir, und wenn du wirklich interessante Männer kennen lernen möchtest, alles steht dir hier zur Verfügung. Gut, aber wo ist dein schöner junger Mann? Er ist nur mein Freund, ihn liebe ich sehr, sehr, sehr, aber vielleicht kann er dir auch helfen. Anna, sagt Magda, ich möchte ihn einfach, kennen lernen und nichts mehr. Valeri werde ich nie verlassen; meine kleine Familie ist wirklich mein Schloss und ich will natürlich das alles mit meinen eigenen Händen nicht zerstören. Dein Fall ist typisch georgisch, sagt Anna. Ihm gefallen nur Jungfrauen. Aber du bist noch sehr jung und hast viele Chancen. Das soll mein Vater nicht wissen – dass ich dir diese Rufnummer gegeben habe: ich bin nicht immer so ruhig, wie jetzt. Mein Papa hat seine Konkurrenten natürlich nicht gern; sein Geschäft ist mit der Politik zusammengewachsen, es ist eigentlich sehr gut und diese Art Politik wächst auch in seinen Händen, wie ein unsterblicher Lorbeerbaum. Seine politische Betätigung gibt allen (mir aber nicht, mir ist das egal) ein gutes Beispiel und so ein guter Unternehmer ist nie allein; wir erkennen uns, zu Hause, wenn wir ihn sehen, was sehr demokratisch ist. Das ist keine tödliche Krankheit, ich weiß das, ich weiß, ich weiß. Warum willst du ihn nicht verlassen? Das ist schon keine Frage mehr. Glaube mir, du bist auch nicht allein. Aber sei immer mindestens so glücklich, wie jetzt.

Magda denkt sehr viel. Ihr gefällt nicht die direkte Form ihrer Rede. Sie steht neben dem großen, schwarzen Tisch und zittert, dann zahlt das Geld, nimmt eine Flasche Aprikosensaft, kommt zurück, setzt sich wieder auf ihren Stuhl, öffnet diese Flasche und schweigt. Anna hat, ihrer Meinung nach, ihr alles offen und bzw. grob erklärt, was sie im Grunde geschmacklos findet – die Offenheit ist nicht ihr Zweck und was sie nicht tut, will auch nirgendwo sehen oder hören. In Wirklichkeit hat Anna ihr geholfen, aber sie ist ihr böse, schluckt Aprikosensaft langsam und mit dem Zeigefinger zeigt ihrer Stieftochter ihr Tagebuch, das sie nicht mehr braucht. Ich bewundere mich nicht, dass du keinen Wunsch hast, ihn kennen zu lernen, sagt Anna und lacht: das hat sie gemacht, ihr Ziel ist erreicht, ihr hat sie ein neues Spielzeug gegeben, sie lebt jetzt schon in ihrer Phantasie und ist bereit, alle Männer zu hassen und gegen sie zu kämpfen und ist in Wirklichkeit selbst noch einmal besiegt, Magda, ihre Gegnerin. Keine Wiederholungen sind mehr nötig, alles ist vollkommen klar. So entsteht ein neues Problem, das sie, hoppla, gegen Magda richtet, sie ist nicht mehr gefährlich und ihre Stimme zischt, wie eine Teekanne, sie stöhnt und will weg; in ihrem Vakuum gibt es, keine Hoffnungen mehr. Magda vermisst David und ist traurig. Inzwischen die Sportler in dem Saal starren beide Frauen an; sie scheinen keine erfahrenen Frauen zu sein, sind angstvoll und sie fühlen das – diese Leute, die immer bereit sind, alle, die Ängste haben, zu vernichten, gehen zu ihnen und versuchen nicht zu erklären, was sie wollen, sondern schweigen und ununterbrochen prüfen sie ihre Stärke, aber gleichzeitig wollen ihre kostbare Zeit nicht verlieren und mindestens heute erfahren, wie sie heißen, sehen sie nicht mehr verzweifelt aus, ihre Unruhe ist selbst tief in ihrer Natur eingewurzelt, aber sie sind daran gewöhnt, dass sie innerlich panische Ängste, die eigentlich ansteckend sind, erleben sollen. Keine Ausbeutung ist es, denken sie, sie wollen sie kennen lernen, nur darum, weil sie wissen, wie reich sie sind und die anderen Menschen, die sich nur für sie interessieren und keine Möglichkeit mehr haben, ihre Wünsche zu verwirklichen. Bald steht Magda auf, geht raus und ruft David an. Er sagt, es sei ein guter Tag in seinem Leben, wohne jetzt der Pressekonferenz bei und gehe nach Hause zu spät, nur in der Mitternacht, weil im Büro er noch zu viel zu tun habe, usw. Also, heute wieder allein soll ich einschlafen, aber nein, das ist nichts, nein, es ist kein kulturelles Defizit, denkt sie, ich werde nie wirklich allein sein, bevor ich noch atme, übrigens, Gott ist überall mit uns und er vergisst uns nicht. Beide verlassen den Saal und Magda ist froh, weil sie nichts bemerkt. Nur ich begehe so viele Fehler, denkt sie und diese Vorstellung wirkt auf ihre Nerven. Auf ihrem Gesicht ist die Wimperntusche schwarz, hinter der ihre braunen Augen müde zu sein scheinen. Mein Mann ist ein guter Mensch. Obwohl sie sich beleidigt fühlt, wie jeder von uns, ist in guter Laune. Du brauchst meinen Freund nicht, sagt Anna. Du hast die ganze Situation mir so geschildert, dass ich keine Chance habe, mit ihm zu tun zu haben, antwortet sie. Jetzt möchte ich meiner Rede noch etwas hinzufügen: dein Talent und du, als Künstlerin, will ich nicht begutachten, aber denk an deine Werke selbst: sie sind, einfach, schrecklich und kosten wirklich nichts. Magda beginnt zu weinen; heiße Tränen rinnen ihr über die Wangen. Meine Methode ist bitter, ja, aber sie, wie jede bittere Arznei, hilft. Das sollte dir jemand sagen, früher oder später, damit du endlich besser zu singen beginnst. Mach dir aber keine Sorgen: Fortschritte und Rückschritte sind Brüder. Magda möchte etwas sagen, aber Anna spricht unermüdlich. Diese Frauen sind so dumm, dass sie kein persönliches Leben haben dürfen, wenn jemand mich fragt, sogar wir, beide – intelligente und elitäre Frauen dürfen keinen Augenblick so verbringen, wie wir wollen, aber niemand stellt uns diese Frage. Vielleicht, ist zu hause niemand, ich würde Salat, Kaviar, gekochte Eier und Apfelkuchen gerne essen, ich bin sehr hungrig, aber ich möchte jetzt in keinem Restaurant sitzen, ich kann keinen Mann ertragen; ihre Blicke kann ich nicht ertragen. Die armen Männer sitzen immer in dem Saal, von ihren reichen Verwandten eingeladen, die über sie lachen, wollen möglichst lange im Restaurant bleiben und sind unzufrieden, wenn sie den Saal verlassen müssen. Sie sind keiner wenigen Aufmerksamkeit wert, aber kommen manchmal zu mir und bieten um meine Telefonnummer, die ich ihnen leider nicht geben kann. Ich vermisse jetzt meinen Vater. Darf ich etwas fragen? Ja, natürlich, antwortet Anna. Wann willst du nach Paris, einfach so zum Spaß? In der nächsten Woche. Kannst du meine Freundin sein? Was? Anna lacht, wozu brauchst du das? Ich weiß selbst nicht. Jetzt brauchst du nur nach Hause fahren und normal schlafen, nichts mehr. Morgen wirst du an etwas Anderes, Besseres denken. Ihr Auto steht unter den Kastanienbäumen, deren Geruch ihre Sehnsucht verschärft, die sie aber hartnäckig bekämpfen. Goldene Sterne glänzen im Himmel. Der Löwenzahn blüht. Hinter der Mauer, neben dem Gebäude stehen auch kleine Rosen. In dem Park ist niemand mehr und sie stehen in der Mitte, sagen nichts und besichtigen nur ihr Auto, das, noch einmal, sie an die Vollkommenheit der heutigen Zivilisation erinnert, an die sie so glauben, dass sie nichts ändern wollen.



Hieronymus Bosch. Garten der Lüste

16. 01. 2008

 

 

 

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