Verlust

Sechstes Kapitel

Welche Fernsehprogramme meiner Mutter gefallen, die gefallen mir auch. Wir sprechen beide nie über Mißverständnisse zu Hause, alles ist schon erledigt; wir verstehen jetzt einander besser, als z. B. vor einigen Monaten. Wenn niemand uns hilft, schauen wir uns diese Welt ganz glücklich an, wir, Zuschauerrinnen. Jetzt brauchen wir ein bißchen Fantasie, da wer etwas fantasieren kann, d. H., er ist verfolgt, aber ich will nicht verfolgt sein. Ich will das Leben genießen, wie es heute ist, und haben wir immer keinen Zweifel daran, daß jemand uns an etwas verdächtigt. Wer sich unruhig fühlt, kann er früh oder spät wirklich ruhig bleiben, das ist Gesetz unserer Natur, die uns manchmal vereinigen kann, wenn wir unseren gemeinsamen Feind sehen. Gesetz ist Gesetz. Was der Mehrheit gefällt, ist immer richtig. Diese relativen Wahrheiten haben wir gut gelernt. Georgien: ich will den Herzschlag meines Landes kontrollieren. Wenn sein Herz nicht sehr stark schlägt, es handelt sich um keine Stille, nein, das heißt, etwas ist nicht in Ordnung sowohl in diesem Körper, als auch in einem anderen großen Körper, in dem Staat, weil er wirklich ein lebhafter Körper ist. Aber vergessen wir das. Wir reden manchmal Unsinne, wir, etwas wollen wir vergessen, aber was? Mein Gott, unsere eigene Natur können wir niemandem zeigen: wir ziehen uns aus nur dann, wenn wir nicht mehr am Leben sind, zumeist in den Kammern, in denen die meisten unbekannten Körper aufbewahrt werden. Nur die stärksten Leute können wirklich ein Wunder tun. Und wer sind wir? Nur SchwarzarbeiterInnen, deren Leben, wie die leisesten Töne in dieser schönsten, harmonischen Symphonie, diesen gut oder schlecht maskierten theologischen Ideen, dieser Wirklichkeit ohne Zweifel und Verzweiflung, nur durch die Macht der Arbeiterelite bedingten Ideen, die schon altmodisch sind, dienen. Wir opfern unser Leben unseren Ideen! Weil wir an Gott glauben, aber ist jeder Apfel selbst sauer? Was meine ich damit? Weiss ich nicht. Jetzt glauben unsere Großeltern an Gott, seine Sublimation, deren Wurzeln, eigentlich, zu tief in jedem einzelnen Menschen liegen. Das gefällt mir sehr, da die Schritte, die wir jeden Tag machen, _ weil wir uns jeden Tag dem schrecklichen Leben, der Existenz ohne Gott, Eliten, Reichsten und Ärmsten, Behinderten und Schönsten, Ausländer und Inländer, Älteren und Jüngeren usw, usw mit den größten Verlusten, weil wir an Gott glauben, nähern. Das Leben ohne Grenzen und Regierungen: besonders das gefällt mir nicht und das gefällt mir gleichzeitig sehr. Alles ist ganz egal, was überhaupt geschmackvoll ist, wenn etwas uns egal ist. Dieses Bild nehmen wir unter die Lupe, wo dieses Bild schon liegt, während Gott uns vergißt und vergißt. Ja, er besteht, trotzdem der Himmel zu kalt ist, in dem Himmel gibt’s, bleibt nach dem Ostern, wenig Luft, aber gefällt er uns jedoch sehr. unsere Seelen können auch spurlos verschwinden. Jemand _ ein bekannter heiliger Kommunist, hat den König erschossen und sein eigenes Reich begründet. Sind die Schulen, Hochschulen tödlich? Alex, ihn kenne ich auch, diesen verrückten jungen Mann, der seine Meinungen hat, der dir immer diese zahlreichen SMS schickt, weiss, daß wir manchmal Sklaven unserer Enttäuschungen und Aberglauben sind, die von manchen Einzelgängern gewissenlos mißbraucht werden. Er weiß auch, daß wir nichts erkennen, uns sowohl dieser Materialismus, als auch unser Glauben an Gott und noch vieles mehr voneinander trennen. Aber, woran glaubt er? Er sagt, er wisse nichts: die Tatsache, daß seine Fähigkeiten nicht genug relevant, seine Begabung schwach sind, alles zu erklären, ist für ihn kein Mirakel. Kennst du ihn? Fragt Marie sie plötzlich. Weil ich an der Universität immatrikuliert worden bin, finde ich keine Ruhe (?), aber er gefällt mir schrecklich nicht. Wieso kann ich verliebt sein?; er schenkt mir selbst manchmal keine Aufmerksamkeit. Vielleicht, hat er viele Probleme, die wir nicht verstehen, sagt Marie, aber egal: ich will auch das Leben genießen: niemand darf mich küssen, wie ich manchmal möchte. Ich bin keine Nutte. Ja, sie will ich ganz persönlich kennenlernen. Mit ausgerenkter Taille steht Inge vor dem Fenster, hinter denen Fassaden die Nacht in der Stadt heult, brüllt und wispert. Marie liegt im Bett und schaut sich sie mit erschrockenen Augen an, beobachtet, wie sie steht und sich die Finger putzt. Du bist schöner, als ich, seufzt sie ruhig, ich weiß nichts, du sprichst immer wunderbar... Ah, das ist nichts, Mariechen, mit ihrer zufriedenen Stimme erwidert sie Inge ruhig, ja, das ist sehr angenehm, daß du mich lobst, aber sollen wir einfach nicht übertreiben. Hier kann ich nicht mehr bleiben. Willst du wirklich schlafen? Gehen wir in den Laden Cola, Käse, Zigarette, Bier kaufen! Etwas möchte ich trinken. Sie schließen die Tür und gehen die Treppe hinab. Liebst du ihn? Fragt Inge sie. Wen, ihn? Marie lacht. Wir sind beide verliebt! Das Leben ist schön, wie immer! Ich werde ihn bald anrufen. Wie hat dir sein Vogel gefallen? Marie schweigt und raucht und sagt: ich hasse alle Männer. Alle.



Salvador Dali. Die zerrinende Zeit

21. 02. 2007

 

 

 

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