Verlust

Fünftes Kapitel

Wo ist meine Schwester? Der Vater sitzt auf seinem weißen Stuhl und raucht eine Zigarette. In Telavi, antwortet Alex. Ich wollte sie besuchen. Dich kann ich nicht mehr sehen. Ich weiß eigentlich überhaupt nicht, woran du denkst. Jeder normale, dreiundzwanzigjährige Mann, der nur noch ein wenig an die Zukunft denkt, muß seine Sache haben, seine einzige, würdige Sache. Du hasst die Frauen. Dein Mißtrauen gegenüber ihnen ist sehr groß, Gott weiß das. Warum kannst du sie nicht ertragen? Du kannst, vielleicht, Sopiko nicht heiraten, Irakli hat mir alles erklärt. Ja, ich hasse sie sehr, antwortet Alex. Alle sind schrecklich dumm, egoistisch, unmenschlich, abscheulich, alle Frauen, die ich hier kenne, die ich überall kenne, persönlich (dieses Wort liebe ich sehr!). Wie findest du, habe ich kein Recht, allein zu sein und sie, diese verrückten Weibstücke, diese Puppen zu hassen? Aber ich hasse sie jedoch nicht. Ich verstehe, WEM ihre Augen immer gehören. Wenn ich ihnen nicht gefalle, kann ich darüber nichts sagen. Warum fragst du mich nicht, warum sie mir nicht gefallen? _ Jedoch muß ich immer und überall das GELD bezahlen: z. B., wenn ich sie heirate, diese Sofiko, muß ich soviel zahlen, wieviel dafür reicht, diese Nutten vierzig oder fünfzig mal zu besuchen. Diese Barmherzigkeit! Über was für eine Barmherzigkeit kann ich sprechen? Sie wissen nicht, was ich will, was wir, alle wollen! Das ist alles Tod. Ja, du findest: nur die Frauen sind abscheulich, _ nein, alle Männer, die ich kenne sind auch sehr böse. Diese Schmierfinken, diese Leute! Ja, es gibt einige Ausnahmen, es tut mir leid, daß es diese Ausnahmen gibt, diese Leute tun mir weh, die SIE in jedem Augenblick zu vernichten versuchen. Der Vater sitzt ruhig. er fragt: können wir Tee trinken? Nein, ich möchte ihn auch trinken, aber finde ich ihn nirgends. Die Fächer sind überall, in dem Zimmer leer. Was denkst du an die globale Erwärmung, fragt plötzlich der Vater ihn. Ja, wir können auf diese Weise auch bald aussterben, antwortet Alex und lacht, vor allem, brauchen sie immer mehr Öl. Wir können nicht denken, was das bedeutet! Du liebst rote Rosen. Sie stehen wieder in dem Garten, im Winter, aber es ist nichts. Wie schön sie sind! Sagt der Vater. Heute konnte ich auch nicht schlafen, stand auf, lange wartete auf den Bus und fuhr zu dir. Alex schweigt. Ich kann dich nicht verstehen, sagt er nach einer kurzen Weile. Warum? Dich kann ich nicht verstehen, wirklich nicht. Laß mich in Ruhe, bitte. Du kannst in dem nächsten Zimmer bleiben, bis die Tante kommt oder bis ich einschlafe. Ich verstehe nur, daß es uns auch zu schwierig ist, nur mehr zu denken, als zu sterben. Ich versuche jetzt einzuschlafen. Darf ich dir nur eine Frage stellen? Ja. Warum besuchst du in Tiflis nicht meinen Bruder? Er hat eine renovierte Siebenzimmerwohnung, den modernsten Computers, sieht er immer diese Fußballspiele, alles in seiner Wohnung riecht nach Parfüm, _ ich fühle mich sowohl in seiner Wohnung, in allen Wohnungen in Tiflis schrecklich allein, unsicher und verzweifelt, aber ich fühle mich hier besser. Hier muß ich diese Hollywood-Szenen nicht inszenieren, meine Ehre muß ich hier in jedem Augenblick nicht schützen. In Achalsopeli erinnert mich auch niemand daran, daß ich nur ein Dörfler und nichts mehr bin. Gut, ich habe keine Fragen mehr, sagt der Vater, ich werde dich nicht mehr stören. Du störst mich ohnehin sehr! Verzeihe mir, siehst du, ich bin heute auch sehr müde. Der Vater nickt und verlässt das Zimmer.

In dem Lazarett der heiligen Anna ist heute, in der Weihnachtsnacht ein Kind geboren. Seine glückliche, aber arme Mutter besuchen heute Botschafter der USA, unser Gesundheitsminister und andere offizielle Personen. Für das Kind wird ein gutes Stipendium vorgesehen, spricht die lustige, auf die unverständlichste Weise nicht verzweifelte, ernsthafte Frauenstimme in dem alten Fernseher. Nur ein wenig klägliches Geld und nur für ein einziges Kind, das, oft wie sie sagen, zufällig in der Weihnachtsnacht geboren ist! Sagt er. Ich weiß, vollkommen ist niemand, spricht der Botschafter, aber habe ich in ihrem alten christlichen Land mit seinen sehr interessanten Traditionen besonders in der letzten Zeit das Leben besser gelernt. Dieses Stipendium ist nur ein kleiner Beitrag zu dieser großen Sache, die wir zusammen mit ihrer Regierung tun. Seien Sie glücklich, in guter Laune, mein liebes Volk! Wir werden Sie nie vergessen. Die USA werden an allen Maßnahmen, die der Verbesserung des allgemeinen Wohlstands in Georgien dienen, immer gerne teilnehmen! Das verspreche ich Ihnen. Unsere ganze Hoffnung müssen wir nie verlieren, besonders, hier, in dem Lazarett der heiligen Anna. Das ist auch wirklich symbolisch: das erste Kind in dieser heiligen Nacht ist hier geboren.

Was sagt er? Wir haben schon unser eigenes Land! Er hat kein Recht, so zu sprechen, der Vater öffnet die Tür. Er raucht in dieser Zeit zuviel und beschäftigt sich mit der Rechnung für den privaten Haushalt. Warum schläfst du nicht, fragt der Vater ihn, versuchst du die ganze Nacht hier wieder so, ruhelos verbringen? Die Tante klopft an die Tür. Der Vater steht auf, geht und als er langsam aufmacht, wartet, prüft ihre Geduld (haben Sie ein wenig Geduld!). Verzeihen Sie mir, sagt die Tante, warten Sie lange auf mich? Warum ist die Tür offen? Es ist hier zu kalt. Ah, ja, die Fensterscheiben sind spurlos verschwunden: diese Jungen wissen nicht, was sie selbst wollen und auf welche Scheiben sie schiessen. Ich bin nur heute angekommen, Alex war gezwungen, vorgestern zu fliehen, sagt der Vater. Thoma, ich kann ihn bis heute nicht verstehen: in der Armee können sie für ihn besser sorgen, ihn gut ernähren, er kann nur diesen Vertrag schließen und, wenn es ihm gelingt, ihnen seine besonderen Fähigkeiten zu zeigen, in dem Irak wird er sehr gut verdienen. Unser begabter Alex! Ich stelle mir schon vor, wie er zurückkommt und sein Haus baut. In Tiflis kann er auch bleiben. Ohne Militärkarte wo wird er arbeiten? Leider gefällt mir hier kein Mädchen für ihn. Ja, während das Land diese Leute regieren, dürfen in einigen Forschungszentren die Behinderten auch arbeiten, aber sind sie, wie man sie jetzt nennt, alle, Söhne unseres einzigen Gottes. Den Frauen ist es jetzt, wie in der kommunistischen Zeit auch schwierig, eine bessere Arbeit zu finden: selbst die Krankenschwester brauchten alle Urkunden; ja, es ist immer sehr schwierig, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Im Ausland kann ich um Asyl bieten sagt Alex ruhig. Im Ausland brauchst du noch andere Papiere. Visum liegt auch nicht in der Straße. Die Asylanten (mein Gott, ich stelle mir nicht vor, wie ein normaler Mensch, besonders, ein normaler Mann und ein normaler Georgier in einem ganz fremden Lande um Asyl bietet!), sind nie, nirgends und von niemandem verliebt. Gestern hat zum Beispiel, Sohn meiner Nachbarin angerufen: er sitzt in einem Gefängnis, in Österreich oder der Schweiz (das weiß ich nicht genau; egal), die Tante seufzt und ihr Bruder nickt. Ich will etwas sagen, Alex steht auf: Unsere geistige Freiheit hat wirklich keine Grenzen. Nein, mit der eigenen Waffe kann ich niemanden vernichten, es gibt, eigentlich, keine eigenen Waffen. Warum wollt ihr nicht verstehen, was mit mir passiert! Wenn ihr mich nicht verstehst, ist das nur mein Problem?! Es gibt ja, wirklich auch keine Bedrohungen: in der Welt, in der wir WIRKLICH leben, oder: leben können, die ich nicht beschreiben, zeigen kann, die ich nicht kenne, ist alles eigenartig und freue ich mich darauf sehr! Ich kann euch auch verstehen: Ich weiß: ich verdiene kein Stück Brot, keinen Schluck Wasser; keine Steine verdiene ich auch, mit denen man mein Haus bauen kann (wenn ich ein Geld erhalte), aber jedoch will ich leben! Ich bin davon überzeugt, daß das Leben und der Tod jedes Menschen unvergleichbar wichtiger sind, als jede Summe, die uns gehört oder nicht gehört, da es in dieser Welt etwas noch gibt, vielleicht, meine Verzweiflung oder etwas, was ich nie vergesse. Die Menschen, die ich verstehen kann, verdienen auch nicht, von niemandem verliebt zu sein: sie sind alt, krank, arm, verzweifelt oder sehr hoch intelligent! Sie haben manchmal, oft kein einziges Zimmer irgendwo, jeder Schurke kann ihre Tür in jedem Augenblick aufbrechen! Ich brauche auch nur genau soviel, wieviel ich verdiene. Die Menschen riechen, hören alles. Jemand ist jetzt vielleicht krank. Ich will keine Sehnsucht zu ihm haben! Keine unerträgliche Sehnsucht, wie jetzt zu allen Anderen, die ich kenne, weil ich kein Geld habe und sie nicht besuchen darf! Ich will, bis ich noch jung bin, bis ich (_ und wenn nicht diese Mißverständnisse, diese vielfältige Unbarmherzigkeit, Absurdität, hätte ich an etwas gedacht) jemandem noch helfen kann. Etwas tun. Ich will kein Zerstörer sein! Ich will jemandem sofort helfen, bis ich etwas wirklich tun kann: jemand wird das nicht wissen. Dann wird es nicht mehr wichtig sein… Und dieser Mann sitzt jedoch in dem Gefängnis, und trotzdem wir keine Herren haben, gibt es diese Heeren hier, überall. Warum haben sie zahlreiche Ängste vor etwas?! Gut. Jetzt sage ich nichts mehr.

Der älteste Tyrann, der Vater sitzt und raucht. Der Rauch steht, wie Nebel in dem Zimmer, trotzdem alle Fenster keine Scheiben haben. Gib mir eine Zigarette, sagt Alex zu ihm. Der Vater zündet ihm die Zigarette an. Du kannst Medizin studieren, ohne diese Hochschulen zu besuchen, mein Kind. Ja, ich will nicht mehr an der Universität studieren, ich will den Selbstmord auch nicht begehen, alles, das, kostet zu teuer, so teuer, daß ich mir jetzt nichts vorstellen kann. Aber alles ist falsch. Hier ist zu kalt. Ich bin so müde, daß ich nicht weiß, was mich bis dahin so beunruhigt. Tun wir etwas, damit der Wind mehr nicht weht! Na, siehst du, du kannst nicht wissen, was dich am meisten stört, sagt der Vater. Die Tante nimmt eine Schublade im Vorzimmer und stellt sie auf das Fensterbrett; plötzlich dunkelt es. Jetzt kann ich wirklich schlafen, lacht Alex, egal, Ihr könnt hier bleiben. Beide sitzen beginnen zu flüstern und sehen ihn an. Er sieht selbst nur ein wenig Licht im Zimmer. Der Vater raucht und schreibt, als Alex einschläft.



Salvador Dali. Die zerrinende Zeit

21. 02. 2007

 

 

 

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