Der junge Mann, den wir schon seit langem kennen, Alex, steht auf. In dem Zimmer ist niemand mehr. Er ist vor zwei Tagen in Achalsopeli angekommen. In dem Dorfe, in dem seine Tante wohnt, herrscht jetzt die Mitternacht. Die Tante mußte ihrerseits heute nach Telavi fahren, um ihren Sohn zu besuchen, der, ganz allein, in einem kalten, feuchten Einzelzimmer wohnt. In Georgien muss das Rektorat, wenn ein Student das Studium abbricht, sofort, an demselben Tag, bei dem Militärkommando anrufen, das in derselben Nacht den Schlafenden aufweckt und bevor er sich anzieht, etwa fünf, zehn Minuten auf ihn wartet, nachdem der trockenstimmige Kommissar notwendige Papiere in Ordnung bringt, und sagt: Komm mit!, als er ihm also das Todesurteil verkündet. Wenn der junge Mann keinen Wunsch hat, in der Armee oder der Polizei zu dienen, muß er unvermeidlich vor Hunger sterben, weil in dem Lande vor der höchsten Gebirgskette und an der reizvollen, mit zahlreichen Palmen bedeckten, schwärzesten Küste in dem ganzen Europa (wenn es sich um die Leute handelt, denen Eltern noch am Leben sind), nur gewissenlose Amtspersonen können ein Stück Brot und unverhindert warmes Wasser zu Hause haben, wenn sie sich überhaupt schon ohne Wasser nicht rasieren, und rasieren sie sich zu oft, da sie immer in der besten Form sein wollen, um dann viel FrischFleisch (und nicht nur viel Fleisch), besser zu fressen. Sie sind an ihren Uniformen überall gut erkennbar. Unser Land entwickelt sich, sagt der Präsident, er will seinerseits, unvergesslich (unverbesserlich?) bleiben. Der mittlere Lohn ist etwa fünfmal weniger, als im Jahre 1913, gewöhnlich, wie in diesem ehemaligen rostigen Eisenwalzwerk (Georgien), in dem es mittlere Löhne gibt. Die jungen Leute aber, die noch von etwas träumen können, bevor sie noch überhaupt träumen können, müssen kein Fleisch essen, sie müssen Sport treiben und ihr leidenschaftliches Fleisch in den schmutzigsten Gebäuden der Kirche, in denen diese ewigen Würmer, die ältesten Christen (Georgier) flüstern und sie jeden Tag umbringen wollen, verhüllen. Die alten Leute müssen warten, bis sie sterben, da sie, alle schon zum rostigen Eisen gehören. Unerträglich ist nicht nur meine Sprache, sondern auch das Leben, weil diese Lebewesen, bescheiden, an diese etwa vierzehn Jahre denken, die sie, ihren Meinungen nach, noch verbringen können. Alex sitzt schon auf dem Stuhl. Er weint. Keine Kerzen brennen in dem Zimmer und es gibt kein Licht, da die Tante kein Geld hat, diese Steuer zu zahlen. Ihr alter, kranker Mann, der schon nicht aufstehen kann, braucht Arzneien, und die Uni des Sohnes braucht, ihrerseits, ihre Gebühren. Der junge Sohn denkt weniger an Mädchen, als Gebühren. Das ist ihre ganze dörfliche Idylle.
Alex will nicht Amtsperson werden, schimpft über alle herausgegebenen Werke, die wir jedoch zu selten sehen, riechen, hören, was uns jedoch gar nicht schmeckt, oder in dem Irak, in dem Lande, das nach dem Benzin, Blei, Befehle auch der heiligen georgischen Truppe riecht, die auf Uncle Sam, seine brüderliche Hilfe wartet. Die Georgier sind die ältesten Christen, von ihnen können die Amerikaner vieles lernen, z. B., in welcher Weise können sie, alle, die Frauen im Irak heimlich und romantisch am besten ficken (das kann man bald verfilmen; wir werden dann von ihnen ein unvergessliches Beispiel nehmen!) weil die Georgier jedoch in der Mitte der alten und der neuen Welt, das bunte Land besitzen: dieses Land ist Unsinn, es gibt in der Natur nicht, ist nicht darum bunt, weil unter den höchsten, mit dem ewigen Schnee bedeckten Bergketten rote Rosen, Apfelbäume, Linden und die Fichten stehen, die durch ihre Fensterscheiben in der Dunkelheit, wegen der Dunkelheit tatsächlich in Achalsopeli fast niemand bemerkt, sondern kennen georgische Offiziere Sitten der östlichen Bewohner, sie wissen genau, wie sie diese Butterdosen schnell, leicht, billig aufmachen können: keinen Tropfen Öl müssen sie in der Natur verlieren, keinen Tropfen Öl, keinen Tropfen! Sein Vater sagt zu Alex, er sei nichts, schimpft über ihn oft: viele jungen Männer, die auch dreiundzwanzig Jahre alt sind, haben schon gute eigene Arbeitsplätze in dieser Welt gefunden, weil wer einen eigenen Arbeitsplatz hat, kann er ruhig schlafen (sterben?) und auf die rote Sonne am Morgen mit seinen trockenen Augen warten. Jeden Tag ist die Stimme des Vaters zu Hause stark, die er auf seinem ewigen Platz, auf dem er sitzt, kontrolliert. Er weiß am besten, wer sein Sohn ist, was er kann und wohin er immer gehen will. Er kontrolliert ihn: seinen ruhigen Sohn, auch wenn er in die Toilette geht, _ mißbraucht er dort viel sauberes Wasser oder nicht, aber darf selbst Alex nichts sagen, weil wenn er gegen etwas zu protestieren versucht, findet er keine Sprache, da jede Sprache, die er spricht, für diese Leute ganz fremd ist: viele Bücher, die Alex immer darum liest, weil er überall nichts Besseres findet (leider), was seine Strebungen nach der Kultur nur ein bisschen befriedigen kann. Alle Prinzipien, die in den wenigsten Büchern ausgedrückt werden, sind für sie auch ganz fremd. Sie, alle, lachen über die Leute, die viel lesen, da die Schere, die unsere Träume, unsere besten Ideen zugrunde richtet, verschärft diese Unterschiede jeden Tag, bleibt so scharf, wie scharf sie immer ist _ Unterschiede zwischen den Menschen vergrößern sich, auch jeden Tag, und weiß er jetzt nicht, was er tun will. Manche Schriftsteller haben keine Gewalt, ihre Bücher _ es gibt nur einige Bücher, die von den stärksten Persönlichkeiten, offiziell, akzeptiert worden sind, und wenn etwas diesen Beamten nicht gefällt, muß man zu früh brennen, bis einfach nicht zu spät ist. Diese Leute wissen nicht, was selbst ihnen gefällt, weil unser unerträgliches Leben von der rechten Hand unseres Präsidenten täglich geöffnet und geschlossen wird, und wir haben immer diese einzige WAHL; wir wählen alle dese Filme, Politiker, Bücher, Musik, Gemäldegalerie, Arbeit, weil wir das nirgends finden, was uns, nur uns gefällt, nirgends, nirgends, nirgends, und verlieren wir unsere Lust etwas zu ändern, da alle, _ die Menschen, die sich freundlich „unsere Mitmenschen“ nennen (wie freundlich ist das, alles, das alles), manchmal vernunftlos fast alle Beispiele der Faschisten wiederholen; ich beweise, es kommt mir so vor, daß wir unbegabt, ganz unbegabt sind. Der Militärdienst ist die ehrlichste Sache, diese Soldaten haben auch unsterbliche Seelen! Sie sagen immer auch gerne Amin. Jesus liebt seine Truppen.
Marie, diese junge Dame liebt er romantisch, die über ihn trotzdem er sie einmal gesehen hat, fast immer nur lacht. Die Romantik hat ihre Vorteile und Nachteile, sagt man. Er erinnert sich an alles. Manchmal, wenn er zu sprechen beginnt, spricht er nur davon, was diese Leute von ihm hören wollen, diese Elite der Tiere will sich wohl fühlen: Ihre Frechheit ist die höchste Freiheit, weil die bekanntesten Amerikaner, die reichsten Stars, die wir jeden Tag, so: sehen und hören – stehend, sitzend, liegend, sind am meisten extrem frech, aber muß man den Höhepunkt jedoch nicht überschreiten, den die Elite noch nicht erobert hat. Alex spricht fünf Sprachen, fließend, aber muß er seine Begabungen und Gedanken niemandem zeigen, weil jeder Mensch ohne Ledersessel in seinem eigenen Arbeitszimmer schweigen muß. Das ist ewige Harmonie der Stimmen, aber nicht meiner Stimmen. Der Schnee fällt. Er bedeckt alles: Rosen, Äpfelbäume, Magnolienstrauch, Granatenbäume im Winter. Schneemann steht in dem Garten, seine Augen: diese ehemaligen Körperteile können morgen was sein? Richtig, und wir sind manchmal das. Das ist schlecht zu hören. Warum? Ich meine, wir werden uns dann an keinen himmlischen Richter wenden können. In den Wäldern, auf den Feldern stehen die schönsten Blumen, die welken, jeden Tag welken sie und behalten sie auch, alle, vieles in Erinnerung.
Dein Leben ist nicht wichtiger, als das Leben der Leute, die kein Stück Brot zu Hause haben! Sagt der Vater, du hast noch ein bißchen Brot. Das ist ganz richtig, aber stellst du die Frage nicht ganz richtig, antwortet immer Alex. Sie klopfen zuerst immer an die Tür, die Polizisten, schreien, Seine Pflicht hat er, wie jeder Mann, bis er noch jung ist, so sagt der Kommissar. Sie sollen sehen, wie er immer lacht. Sie holen immer behinderte junge Männer, die schon in dem Friedhofsgarten Fußball spielen. Das ist nicht meine Schuld, daß er behindert ist, sagt der Kommissar und holt auch immer behinderte junge Männer. Der kranke Onkel ist jetzt nicht hier: wenn die Tante ihren Sohn besucht, bleibt er in der Nacht nicht zu Hause, allein. Er besucht seinerseits, seinen Bruder, der ihm seine Geschichten erzählt und der ihn zu stundelang sprechen zwingt: jeder muß zahlen! Sogar die Toten müssen zahlen. Man kann gern sterben, aber man muss unbedingt zahlen. Alex schläft. Ein neuer Tag beginnt. Manchmal liest er Bücher oder manchmal, wenn er nichts liest, liegt, bewegungslos und weint. Jahrelang las er, was er lesen konnte und er hat jetzt schon nichts mehr zu lesen. Die Sonne scheint, er steht zwischen vielen kleinen Ästen und unter ihren kalten Wolken. Die Augen tun ihm weh. Er wartet lange auf Marie, ihre SMS. Es tut mir leid, aber er wartet auf sie umsonst, dieser blöde junge Mann.
Heute konnte ich nicht zu Hause bleiben. Vielleicht ist es nicht ganz normal, aber ich soll sagen: ich habe kein Geld, dich zu mir …zu Gast einzuladen. Ja, unsere Träume verschwinden leider, jetzt, bevor sie noch gut fixiert sind. Gib mir deine Hand, will ich sagen, deine Haare rieche ich jetzt, ich weiß nicht jetzt, wie sie jetzt riechen. In diesem Cafe gibt es doch immer zu wenig Licht. Nur zwei Gläser Kaffee sind auch ja, zu wenig. Du versucht, bis dahin mich _ einen jungen Mann, gut kennen zu lernen. Niemand spricht hier über die Männer und Frauen, genau, wie niemand über die nationale Unterdrückung in der Sowjetunion sprach und, was sehen wir? Diese Kriege. Weißt du, wie erschrocken, verzweifelt das Mädchen aussah und wie sie sass, nachdem sie meine Nachbarn, die Tschetschenier in Grozno, in den Ruinen gefunden hatten? Ihre Herkunft? Das ist natürlich egal. Ja, ich muß auch schweigen, da ich keine Frau bin, aber tut es mir leid. Glaubst du mir? Ich weiß nicht. Vielleicht ja. Vielleicht glaubst du mir nicht. So oder so, so oder so. Aber, wenn ich mich ein wenig operieren lasse, kann ich auch Frau werden. Es ist doch sehr leicht. Leichter kann ich einen Roman schreiben; du wirst glauben, daß ich eine Frau bin. Also, das ist sinnlos, ich meine so. Ich habe keine Nationalität. Keine Religion habe ich, weil ich Gott vergessen habe, dieser Unsinn, die Religion gefällt mir auch nicht! Meine Mutter weiß, daß ich mit allen Männern, die ich kenne weder leider reden, noch Wein trinken mag. Sie wiederholt das immer gern. Wenn sie uns besuchen, die Freunde meines Vaters, die er in Afghanistan, der Armee während des Krieges kennengelernt hat, die Leute, die jetzt in dem Irak diese raffinierte Luft atmen, sie empfehlen mir immer, sie zu begleiten (sie haben alle übernatürliche Gedanken!). Sie sitzen mit lustigen Gesichtern in ihren grün angestrichenen, großen Autos. Aber ich habe keine Lust, sie zu begleiten. Alle haben ihre Familien und ihre Familienmitgieder können diese Leute begleiten! Man sagt, wer seine eigene Familie hat, kann er spurlos nicht verschwinden. Manchmal kommt es mir vor, dass ich vor einer dunklen Kluft stehe, die einen einzigen Weg hat, aber stehen sie, fast alle und sagen: mein Gott, warum haben wir die Relativitätstheorie gelesen?!.. Ist das unser Sprung, diese Theorie (ich weiß, daß es kein Sprung, sondern, sagen wir das so, nur ein regelmäßiger Schritt ist)? Wenn ja, was bedeutet das, was ist das? Leider ist diese Theorie für manche Leute heilig und sie verstehen das auch nicht. Viele Jahre… Aber, warum schreibe ich diese Unsinne?! Ja, lache, du lachst immer sehr schön! Es wäre vielleicht besser, dich zum Tanz einladen zu können. Leider können wir vielleicht wieder die Disco in Tiflis finden, die die Leute kontrollieren, die das tanzende Paar immer festnehmen wollen, wenn auf ihren Hälsen keine Brillanten glänzen. Sie können sie gut bemerken. Ihre Brillanten sind entweder falsch, oder wahr und wenn sie brauchen, wissen sie immer gut, was wahr und was falsch ist.
Und er erhält keine Antwort.
Marie scheint in dieser Zeit sehr beschäftigt zu sein, sagt er. Er weiß nicht (er ist sehr menschlich), aber in der Nacht kann er nicht schlafen, weil er die Stimmen der Menschen nicht hören kann, die den Anderen das Todesurteil verkünden. Wenn ein neuer Tag beginnt, wenn alle schreien, geht er schlafen. Diese Doppelmoral. Alle wissen, wie falsch ihre absolute Moral ist, genau, wie ihre Gesetze, die, alle das Eigentum der reichsten Leute schützen, das falsche, dem nichts dienende Eigentum (das Eigentum, das dem Nichts dient). In Georgien leben sie, alle, auf Kosten der Zuwanderer, die praktische Geschäftsleute im Ausland schlucken, und die Ärmsten können sie jedoch nicht bemitleiden, weil sie falsche Gefühle der Zusammengehörigkeit haben, radikale Gefühle. Sie wissen nicht, wie die Gewalt entsteht, sie lesen selbst nur ihre himmlischen Zeitschriften und ihre unterirdischen Zeitungen, in denen es sich um nichts mehr handelt. Wir müssen ruhig bleiben! Die Fichte in dem Garten, sie hat keine Blätter mehr, im Winter. Alex schneidet ein einziges Brot, das er direkt in der Küche ißt. Dieses Brot ist sehr trocken, er kauet jedes Stück langsam und trinkt viel Wasser. Dann steht er auf, geht, nimmt Don Quichotte und liest. Don Quichotte konnte etwas Besseres essen, als wir, sagt er. Warum? Weil die Unterdrückung heute bei uns brutaler ist, als in der Zeit der heiligen Inquisition (ja, es ist so)! Dann geht er auf die Toilette, uriniert, kommt zurück und versucht einzuschlafen. Haus, Toilette, Gartentür sehen aus, wie Ruinen nach der Explosion der Atombombe auf einer Insel in dem pazifischen Ozean. Der kalte Krieg. So wiederholt immer jemand. Der Schnee fällt. Der Krieg. Folgen des kalten Krieges: ein kaltes Zimmer, in dem er einzuschlafen vergeblich versucht.