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Glück
Achtes Kapitel
Es müssen hier und jetzt sowohl alle Cremetuben und Zahnpastatuben, als auch alle dicken Flaschen vergessen worden sein. Weg auch mit ihnen. Weg mit dem Nazi-Dreck. Anna ist schlank, sie liegt in einem bequemen Bett des Krankenhauses und ihr Vater hat viel zu tun und, denkt, wie immer, an seine Fabrik in Paris. Aber ihre Stiefmutter, die Frau, die gegen ihren Willen mit der Valeri eine neue Lebensgemeinschaft eingegangen ist, ist nicht so dreckig, wie in den meisten alten Georgischen Märchen, nein, sie sitzt neben ihrem kleinen Bett, manchmal steht auf, ist wirklich sehr sympathisch und reizvoll. Ihre leichten und pathetischen Worte klingen nicht beunruhigend, weil, was sie ausspricht, ist tödlich unwahr (wie z. B. vieles, was ich sage, weil ich die Wirklichkeit gar nicht wirklich kenne und weil ich sehr dumm bin. Vielleicht ich meine nicht das, was sie gemeint haben, weil mich absolut niemand versteht) und auf dem Glauben an Gott basiert. Magda vertreibt jetzt schon ihre ordnungsmäßige Politik der Neutralität nicht mehr, sie greift manchmal sogar Gott an, der tot ist, wirklich tot (O. K., er ist ABSOLUT tot, mein Gott, wie kann ich das noch besser sagen?! Wie soll man das noch besser ausdrücken?), wirft dem heiligen Geist, diesem alten und noch lebenden Motor der Mystik vor, dass er dringend etwas tun muss und nichts tut (was für ein trügerisches Gefühl), ächzt und flüstert: ach, mein kleines und schönes Kind! Sie muß auch sterben, wie wir, alle. Anna liegt bewegungslos. Jeder Laie weiß, was die Aminosäuren (Carbaminsäuren, β, γ usw. also, –alle Aminosäuren) und die ganzen Carboxylgruppen plus Aminogruppen nach dem Tod tun können, wenn man überhaupt noch bewegungsaktiv ist (sie können wie ihre ehemaligen Gläubiger nicht mehr wachsam sein, und neue Fähigkeiten der Unterdrückung ausarbeiten, während sie unabhängig sind und ein neues Leben kostenlos ausprobieren. Sie sind wahrscheinlich auch gleichberechtigt und nur dem Kopf unterworfen, der sie, wenn er will, problemlos zum Sterben zwingen kann, während diese kleinen schönen Zellen Seppuku machen. Bald öffnet Guram die Tür, ohne anzuklopfen, weil Caron das sterbliche Kind bald holen wird. Caron hat auch vielleicht seine Familie und die Familie muß man auch ernähren. Er hätte lieber auf der Ledercouch gesessen und Popcorn gegessen und Rustavi 2 oder David A. gesehen oder mit einer jungen Dame telefoniert, die schon keine Lust hat, verzweifelt zu sein und nach jemandem sucht, der eine stabile und sichere Arbeit hat. Das ist aber nicht seine alte Tradition, weil Caron ja eher die Menschen holt, die sehr viele originelle Unsinne machen. Jemand kann sterben, aber muss originell bleiben. Im Fluß Styx, der viele Haupt- und Nebenquellen hat (Lethe, Acheron, Kokytos, Phlegethon und Eridanus), finden alle Wege ihr absolutes Ende. Kein Obolus wird ihr helfen. Ich schwöre. Aber nicht beim Styx. Weil ich kein Gott bin.
Die Ärzte untersuchen das Mädchen, das örtlich betäubt worden ist. Sie ist vor einigen Stunden wieder in Ohnmacht gefallen. Sie besprechen uns, was sie tun müssen. Eins ist klar: das Mädchen ist schwerkrank (indisponiert, dienstunfähig) und ihre Krankheit ist noch nicht bekannt. In medizinischer Hinsicht ist ihr Körper noch sehr jung und kann alles ertragen, kann überleben, Aber Guram schenkt ihrer innerlichen Blutung keine Aufmerksamkeit. Anna ist wirklich ein reiches Mädchen, aber nur ein Mädchen, nach dessen Tod die Eltern weinen lernen können. Nur der Vater kann das nicht tun, weil er ein Mann ist, also, die Männer müssen immer gute Nerven haben. Alle. Eine alte (29, ledig) Jungfrau weint leise: armes Kind, o, armes Kind. Sie hat vielleicht noch keine große Liebe erlebt!
Tyrannei, Absurditäten, Unmenschlichkeit und Liebe kann man nicht messen; entsprechende Geräte sind noch nicht erfunden, sonst hätten wir schon gewusst, was ein neuer Präsident wert ist – wir hätten ihn einfach wie eine Wassermelone, wie dieses Wassereiche Obst, auf eine Wiege gelegt. Ich vermute, sein Gewicht kann jeden Zeiger zwingen, verrückt zu werden, trotzdem er kein Mensch ist und nichts fühlen kann. Daß sie niemand geliebt hat, ist mir klar, aber daß sie tot sind, ist das auch schon kein Geheimnis. Man sagt: aber wer vieles erlebt hat, muß ohne weniges Mitleid sterben, weil er seinen Plan erfolgreich durchgeführt hat. Bald wird Guram ihren kleinen Kopf öffnen und erfahren, was sie drinnen hat. Streu hat sie wirklich nicht, ihre Instrumente sind aber sehr scharf und die Ärzte können gerne besichtigen alles, was sie genau wollen. Sie ist unverbesserlich und man hat keine Möglichkeit mehr, sie zu sehen. Das wird die Natur beweisen, die sehr strenge und schöne Gesetze hat. Dem kleinen Mädchen ist es ganz egal, sie fühlt schon nichts, weiß schon, wie Jesus Christus seinen kostbaren Mund öffnet und etwas ausspricht. Vergeblich. Sie versuchen alle zwingenden Reaktionen zuerst im Kopf zu beobachten. Es ist unmöglich, weil der Körper schon auf nichts reagiert. Nur das Herz schlägt sehr schwach, beweist, dass die Patientin ruhig verschwindet. Gehen wir Sofort in den Operationsraum, bitte, bitte, o Gott, schreit der zweite Arzt, er heißt auch Valeri. Sein Beruf ist für ihn nur ein Hobby, weil er auch genug reich ist; er beschäftigt sich nur selten mit dieser Sache, die ihm schon gar keinen Spaß macht, im Unterschied zu seinen armen KollegInnen, die hauptsächlich reich werden wollen, sehr fleißig sind und wortlos ihre Kohlendioxide tragen. Meinerseits vielen Dank, unmenschliche Mächte, daß ich das alles sagen darf.
Im Operationsraum liegen kleine blutige Messer, Zangen, anatomische Pinzetten, Beatmungsbeutel etc. auf dem Tisch. Valeri ist nervös und blickt auf seine Uhr. Sein Kind liegt und bewegt sich nicht. Er sieht, wie sein Kind liegt, und er schreit: sie ist meine Tochter. Vergiß nicht das! Es klingt sehr lächerlich. Er spielt Rolle eines verzweifelten Vaters schon besser, alle ein Dutzend Hollywood-Stars. Aber das Leben zeigt etwas Anderes: Anna ist schon wirklich tot.

Hieronymus Bosch. Garten der Lüste
16. 01. 2008
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